Kirchenzentrum St. Nicolas in Hérémence (1967–1971) von Walter Maria Förderer (1928–2006), der als radikalster schweizerischer Exponent skulpturaler Sichtbetonarchitektur bezeichnet werden kann.

Brutalismus in der Architektur

"Brutalismus" leitet sich vom Baumaterial ab: Zumeist ist es «béton brut», auf Deutsch: Sichtbeton.

Den eigentlichen Siegeszug erzielte die Betonarchitektur in der Nachkriegszeit. Begründet durch die wirtschaftliche Konjunktur und den allgemeinen Bauboom, bedingt durch Innovationen in der Bautechnologie und forciert durch die enorme Entwicklung der Bauindustrie – anderswo ausgelöst durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg –, etablierte sich der Beton zum wichtigsten Baumaterial der Nachkriegsmoderne.

In der Regel wurde er mehr oder weniger gleichwertig neben anderen Materialien wie Holz, Backstein und Stahl eingesetzt. Zunehmend übernahm er aber nicht nur die wichtigsten Funktionen, sondern bestimmte auch die Erscheinung der Bauten.

Anfang der 1950er-Jahre geriet der Sichtbeton zum Stilmittel. Brutalismus nannte sich eine architektonische Strömung, die sich die ehrliche, sichtbar gemachte Verwendung der Materialien, insbesondere des schalungsrohen Betons, auf die Fahnen geschrieben hatte. Bezugnehmend auf das Spätwerk von Le Corbusier, namentlich die Unité d’habitation in Marseille (1948–1954), leitete der Stil seine Bezeichnung vom französischen Begriff für Sichtbeton, Béton brut, ab. Das zur Konstruktion eingesetzte Material wurde ehrlicherweise an den Fassaden zum Ausdruck gebracht. Die Körnigkeit der Betonmischung und das Schalungsmuster, erkennbar an der Holzmaserung und den Graten zwischen den Latten, wurden demonstrativ zur Schau gestellt.

Sichtbeton wurde zum Synonym für eine raue, doch sinnliche Ästhetik. In der bisher umfassendsten Darstellung des «Brutalismus in der Architektur», die der britische Architekturtheoretiker Reyner Banham bereits 1966 publizierte, werden aus der Schweiz Bauten des Atelier 5 und der Architektengemeinschaft Förderer, Otto & Zwimpfer vorgestellt.

Unter den zahlreichen Schweizer Architekten, die den Sichtbeton als hauptsächliches gestalterisches Mittel einsetzten, sticht Walter Maria Förderer (1928–2006) als individuelle Ausnahmeerscheinung hervor. Mit Fug und Recht kann er als der radikalste Exponent skulpturaler Sichtbetonarchitektur hierzulande bezeichnet werden. In seinen abstrakten plastischen Gebilden wollte Förderer dem Bauen Körperlichkeit und Bildhaftigkeit abgewinnen. Sein wohl bekanntestes Werk ist das katholische Kirchenzentrum St. Nicolas in Hérémence (1967–1971), bei dem der Beton in eine virtuose räumliche Formation gegossen wurde.

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