BETONSUISSE Architekturgalerie
 
       

 

Einführung
Aktuell Szene
AAL Luzern (Neubau)
AAZ St.Luzisteig
EFH Adligenswil/LU
EFH Beinwil/AG
EFH Schaan/FL
Gemeindehaus Wollerau SZ
Güterbahnhof Lausanne
Hafengebäude Fussach/A
Kantonsschule Zug
Kunstmuseum Vaduz
KVA Thun
Museum Gertsch Burgdorf
NA Kirche Zuchwil
Schulhaus Bussigny
Schulhaus Eschenbach/SG
Schulhaus Päffikon SZ
Schulhaus Volta Basel
Sporthalle Zug
Parking Le Flon Lausanne
WH Horn/TG
WH Zürich(Zürichberg)
Klassiker
EFH Jona/SG
Gebäude BAG, Bern-Köniz
Hochschule Chur
Hochschule Rapperswil
Laborgebäude Uni Bern
PGH Meister Wollerau SZ
Pharmazentrum Basel
Schulhaus Vella/GR
Umnutzung/Sanierung
AAL Luzern (Altbauten)
Betonpioniere
A1-Tankstelle Deitingen/SO
Bally Tageslichtfabrik
BETONSUISSE Homepage

 

 
Wohnhaus am Zürichberg
Bauherrschaft: Frau G. Kerez, Zürich
Architekt: Christian Kerez, dipl. Arch. ETH/SIA, Zürich;
Mitarbeit: Andreas Meiler
Ingenieure: Erni & Erni, Zürich; Josef Schwartz, Baar und Luzern
Kostenplanung, Bauleitung: Archobau AG, Chur
Projekt und Ausführung: 1998-2002
Gestaltungsmöglichkeiten mit Betonvorspannung
Standort    
Der Standort des Mehrfamilienhauses an der Forsterstrasse ist von unterschiedlichen Geometrien geprägt. Die Grenze zum Nachbargrundstück West, die aber nicht spürbar ist, bildet eine Bezugslinie. Die baugesetzlichen Vorgaben führten dazu, dass das eigenwillige und neuartige Gebäude eine autonome Position im Gelände einnimmt. Der dichte Baumbestand verbindet das Haus mit seiner Umgebung.    

Die Eigenständigkeit des Gebäudes wird noch betont durch die Versenkung des gesamten Zugangsgeschosses unter den Boden, das gewissermassen eine „Wanne“ bildet, in welches der Bau hineingestellt wird.    

Die Zugänge zur Parkierungsebene (2. UG) und zur Eingangshalle der Wohnungen (1. UG) erfolgen tunnelartig. Die UN-Garage liegt auf dem Strassenniveau.    

Bauaufgabe    
Sowohl die Mehrdeutigkeit des Ortes und die Schwierigkeit des Grundstücks als auch die angestrebte Individualität der Wohnungen bildete Ausgangspunkt für einen empirischen Annäherungsprozess an eine Lösung. „Die Lösung liegt schon in der Aufgabe“, betont der Architekt. „Der Hauptteil der Entwurfsarbeit bestand darin, die in unserem Falle sehr streng ausgelegten, willkürlichen Vorgaben des Baugesetzes in eine architektonisch verständliche und logische Gesamterscheinung zu überführen. Durch die strukturelle Auflösung des Gebäudevolumens wirken die geforderten Kragplatten der Balkone nicht mehr angesetzt, sondern als Erweiterung der Wohngeschossplatten. Ebenso verbindet sich das Attikageschoss mit dem zweigeschossigen Unterbau durch die versetzten, auskragenden Wandscheiben.“ Es galt also, eine Antwort zu suchen, die mehrere Fragen gleichzeitig beantwortet. Dasselbe Denken bestimmte die Arbeit des Ingenieurs, der früh im Entwurfsprozess einbezogen wurde.  
Tektonische Raumfigur    
Jede Etage ist unterschiedlich gestaltet und bezweckt individuelle Raumdispositionen und Grundrisstypen. Das Gebäude wurde von Innen heraus entwickelt und mit Hilfe von Studienmodellen unterschiedlicher Massstabsbereiche und Materialität überprüft. Die in die Aussenräume weisenden Wandscheiben und weitauskragenden Boden- und Deckenplatten dehnen die einzelne Wohnung im Innern aus und verbinden sie mit der Umwelt.
 
Die Wandscheiben definieren je Stockwerk unterschiedliche Räume und Raumzusammenhänge und lassen raumhohe Öffnungen entstehen. Gewisse Räume sind mit ebenfalls raumhohen Schiebetüren abschliessbar. Einzelne Raumtrennungen sind durch Einbauschränke definiert.
 

Diese Grundrissdisposition folgt der Absicht, einen kontinuierlichen Raum zu erzeugen mit immer neuen und vielfältigen Bezügen im Innern sowie mit wechselnde Perspektiven nach Aussen.
 

Aufgehängte und punktförmig übereinander gelagerte Scheiben, auskragende Decken, auch übers Eck, bilden als Ganzes eine plastische Raumfigur mit spannungsreichen Durchblicken und Aussichten. Die ringsum laufende Verglasung der Gebäudehülle bildet diese Komposition ab und verdeutlicht das tektonische Bild. Sie ist Klimagrenze. Der Sonnen- und Sichtschutz erfolgt mit raumhohen und üppigen Stoffvorhängen.
 
Das in diesem Bau neuartig wirkende Raumgefühl wird erzeugt durch die Wahrnehmung direkter Relationen zwischen dem Raum und seinem konstruktiven Abbild: dem sichtbaren Beton-Rohbau. Man bewegt sich permanent in einem konstruktiven Raumgefüge, das sowohl eindeutige räumliche Qualitäten wie zwingende statische Logik repräsentiert. Der konstruktive Beton ist ständig präsent und bildet das, was er leistet 1: 1 ab. So wird das Verborgene (die Vorspanntechnik) sichtbar gemacht auf einer anderen Bedeutungsebene und visualisiert die Präsenz der gemeinsamen Entwurfsleistung von Architekt und Ingenieur.  
Betonvorspannungstechnik als Gestaltungsmittel    
Das gestalterische Potenzial des Vorspannbetons – womit sich der französische Betonpionier Eugène Freyssinet in den 1920er Jahren mit systematischen Studien und Versuchen erstmals beschäftigte und damit in bautechnisches und konstruktives Neuland vorstiess – wurden an diesem Fallbeispiel weiter erforscht und konstruktiv-technische und materialtechnologische Möglichkeiten und Grenzbereiche ausgelotet. Die scheinbare Unabhängigkeit und stockwerksweise Unterschiedlichkeit der Scheibenkomposition irritiert, hängt doch jedes Element mit dem nächsten zusammen: alle raumdefinierenden und konstruktiven Komponenten der Baustruktur wirken statisch im Gesamtsystem unabdingbar mit – nichts ist überflüssig, nichts muss zugefügt werden, der Rohbau ist konstruiertes Abbild der Raumfigur.  

Quellen
Pläne und Dokumentation: Architekten
Panoramas: Marco Homberger, CH-6004 Luzern
Autor
Prof. Dr. Ulrich Pfammatter, CH-5618 Bettwil
 
      1999-2007© BETONSUISSE