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Ballyfabrik Dottikon / AG |
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| Baufirma: |
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Locher
& Cie. Zürich
(Lizenznehmerin Betonbausystem Hennebique) |
| Heutiger
Besitzer: |
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Hanspeter Setz, Dintikon |
| Nutzer: |
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Oskar Setz Transporte AG |
| Projekt
und Ausführung: |
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1909 |
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| Tageslichtfabrik |
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Standort und Bauaufgabe
Die 1909 gebaute Schuhfabrik Bally ermöglichte mit Standort
im aargauischen Dottikon die Erschliessung von Arbeitskräften
in der Region Freiamt. Diese fuhren zu Hunderten mit dem Velo zur
Arbeit oder wurden mit Bussen abgeholt.
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In
berechtigter Hoffnung ungebremster Expansion wurde von allem
Anfang an das Gelände weit „abgesteckt“ und
eine Verdreifachung des Gesamtvolumens vorgesehen. Zusätzlich
ordnete man am süd- und nordwestlichen Rand des Geländes
kleinere Wohnhäuser für das mittlere Kader an. Das „Eingangstor“ wurde
durch die ausgedehnten Velounterstände sowie das Pförtnerhaus
gebildet.
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Die damals boomende industrielle Produktion und Massengüterindustrie (Automobile,
Nahrungsmittel und weitere Konsumgüter) bildete eine Herausforderung für
moderne Architekten, Ingenieure und Unternehmungen: die Tageslichtfabriken wurden
erfunden. Noch heute dominiert diese Ballyfabrik die weitere Umgebung und prägt
den historisch bedeutsamen Ort der Industrie- und Baukulturgeschichte.
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Die Ballyfabrik benötigte eine Reihe von Infrastrukturbauten, darunter das „Kesselhaus“,
welches der Kohlen-, später einer Gasheizung diente und heute als Museum
für die Oldtimer-Sammlung von Hanspeter Setz der interessierten Öffentlichkeit
zugänglich ist. Querschnitt durch Hauptgebäude und Kesselhaus mit Heizungs-
und Lüftungsanlage.
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Baugeschichte
Das Baujahr 1909 bedeutet in der modernen Baugeschichte ein früher
Zeitpunkt für den Bau einer Tageslichtfabrik. Amerikanische
Beispiele finden sich nicht früher, etwa die erste Betonskelettkonstruktion
für die Ford Motor Company Plant in Highland Park (Michigan)
des Architekten Albert Kahn für Henry Ford (1909-10). Oder die
spektakuläre Produktionsstätte FIAT-Lingotto in Turin des
Ingenieurs Giacomo Matté-Trucco (1916-20). Diese 1988-95 durch
Renzo Piano Building Workshop revitalisierte erste grosse moderne
Automobilfabrik in der „Alten Welt“ wurde nach dem Vorbild
von Ford Highland Park realisiert, aber erst 6 Jahre nach der Ballyfabrik
in Dottikon. Bally wie Fiat benützten das äusserst leistungsfähige
und architektonisch expressive „Hennebique-System“ – damals
modernste Eisenbetontechnik, die grosse Spannweiten, hohe Belastbarkeit,
Flexibilität in der Raumaufteilung und eine weitgehende „Befreiung“ der
Fassade von störenden tragenden Elementen ermöglichte und
so die Tageslichtfabrik zum Thema des 20. Jahrhunderts machte.
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| Das aus dem Jahre 1892 stammende Patent des französischen
Ingenieurs François Hennebique ermöglichte erstmals in
der Baugeschichte den Einsatz des eisenarmierten Betons als komplettes
robustes und monolithisch wirkendes Tragsystem für Ingenieure
und als expressives Gestaltungselement für die Architekten der
Moderne. Patentzeichnung Hennebique. |
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| Die Gebrüder Perret verwendeten 1903 das „Système
Hennebique“ für den Bau einer repräsentativen Stadtvilla
in Paris (25bis, rue Franklin), Tony Garnier zeichnete 1904 eine
ganze Stadt nach diesem Bausystem (La cité industrielle bei
Lyon), es folgten eine Reihe von Fabriken der Konsumgüterindustrie,
als eine der ersten die Bally, dann Lingotto sowie die ehemalige
Munitionsfabrik in Karlsruhe (1918; heute transformiert in das Zentrum
für Kunst und Medientechnologie) usw., und schliesslich adaptierte
nach dem Ersten Weltkrieg die europäische Moderne wie z.B. der
holländische Architekt Johannes Duiker dieses „ingenieuse“ Konstruktionssystem
für eine ganze Reihe seiner prominenten Bauten, etwa die Montessori
Freiluftschule in Amsterdam (1927-28). |
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Nutzung – Raum – Konstruktion
Die ursprüngliche Nutzung der Schuhfabrik Bally folgte einerseits
dem Förderbandprinzip, wie es zuerst Henry Ford in der Automobil-Massenproduktion
einführte, andererseits der Arbeitsorganisation nach dem arbeitsteiligen
Zeit-/Leistungs-/Lohnsystem von Frederic Taylor. Entsprechend dieser
Synthese aus „assembly line“ und „scientific management“ wurden
Arbeitsstationen, Einheiten, Linien und in Ebenen gegliederte Abteilungen
eingerichtet . Das Hennebique-System kam diesem Produktionstyp durch
seine Flexibilität entgegen. |
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| In der Ballyfabrik arbeiteten bis 1974 zwischen
1’000 und
1'500 Personen. Um den Tageslichtkomfort auch im mittleren Gebäudeteil
zu gewährleisten, wurde der Bau schmal gehalten (rund 16 m),
aber hoch gebaut (7 Stockwerke), was insbesondere auf dem Dach dramatisch
erlebbar ist. |
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| In der Gestaltung der Fassaden wurde die Möglichkeit des Betonskelettbaus
ausgeschöpft und zwischen den Stützen grossflächige
Fenster mit Sonnenschutzmarkisen angebracht. Längsschnitt mit
Innenfassade. |
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| Im Gegensatz zu späteren Fabriken der Moderne, etwa der Tabakfabrik
Van Nelle in Rotterdam, zeichnet sich die Ballyfabrik durch gemauerte
Brüstungen aus, was zu einem moderat-modernen Fassadenbild führt. |
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| Die Dachaufbauten, Dachgesimse und der Liftturm
nehmen Bezug auf Elemente historisierenden Baustils und verleihen
dieser modernen
industriellen Tageslichtfabrik zusätzlich einen monumental-repräsentativen
Charakter. |
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| Das Baubüro der Bally im Hauptsitz in Schönenwerd, welches
für die Architektur zeichnete, verdeutlichte mit diesem Bau
und seiner Komposition sowie mit der modernen Beton-Bautechnik den
Umbruch der neuen Zeit und die Tendenz des industriellen Zeitalters,
mit modernen Ingenieurbauten architektonische Akzeptanz zu erreichen
und gleichzeitig auch die moderne Stilbildung zu beeinflussen, ein
Thema, welches ja auch auf der Ebene des Produktedesign die Schuhindustrie
beschäftigte. |
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Literatur
schweizerische Bauzeitung Nr.25 v. 22.Juni 1912
Quellen
Pläne und Dokumentation: Verein Ortsmuseum Dottikon
Standfotos: Ulrich Pfammatter, CH-5618 Bettwil
Panoramas: Marco Homberger, CH-6004 Luzern
Autor
Prof. Dr. Ulrich Pfammatter, CH-5618 Bettwil |
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