BETONSUISSE Architekturgalerie
 
       

 

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Kehrrichtverbrennungsanlage Thun
Bauherrschaft:   AG für Abfallverwertung AVAG, Jaberg
Architektur:   Andrea Roost dipl. Arch. ETH BSA SIA SWB, Bern;
Manuel Ritschard, Anita Stucki, Heinz Freiburghaus, Damian Lisik
Generalplaner:   Planergemeinschaft: Toscano, Bernardi und Frey TBF + Roost, Zürich
Bauleitung:   Architektengemeinschaft: Hofer Meyer Sennhauser Architekten und Planer AG, Spiez; Recher und Partner AG, Steffisburg; Scheffel Hadorn Schönthal, Thun
Bauingenieure:   Ingenieurgemeinschaft GTI: Theiler Ingenieure AG, Thun; Finger + Partner AG, Thun; Schwarz + van Helvoirt AG, Thun; Prantl Bauplaner AG, Thun
Haustechnik:   Ingenieurgemeinschaft IGH KVA: Amstein + Walthert Bern AG, Bern; Grötzinger + Rychard AG, Wynigen; G. Kettler, Thun; H.U. Steiner + Co., Thun; Bering AG, Thun
Verfahrenstechnik:   TBF + PartnerAG, Zürich
Fassadenplanung:   Prometplan AG, Brügg
Bauphysik, Akustik:   Bernard Braune, Binz
Grünplaner:   Samuel Eigenheer, Basel
Bauzeit:   2001 – 2004
Funktionale Skulptur – skulpturaler Zweckbau

Ort + Situation
Die neue KVA Thun steht auf einer zentralen Stelle im ehemaligen Truppenübungsgelände der Armee in Thun an der Allmendstrasse, die als West-Ost-Achse zwischen den Autobahnbereich mit dem Bahnhof und Zentrum von Thun verbindet. Um den reibungslosen und effizienten LKW-Betrieb zu gewährleisten wurden zwei neue Kreisel an der Einfallsachse errichtet.

   

Es ist das am stärksten ins Auge springende Gebäude im gesamten umliegenden Territorium und markiert eine physisch-ästhetische Prägnanz und Präsenz vor der Kulisse des offenen Bebauungsmusters des niedrigen Gebäudeteppichs der Armeeanlagen.

   

Der Architekt bewegte sich in einem Spannungsfeld städtebaulicher, objektspezifischer und betriebstechnischer Implikationen und verlieh der sonst nüchternen Zweckbauaufgabe eine prägende und einprägsame Form unter Einbezug der umgebenden Landschaft und Natur, die zusätzlich räumlich und funktionell aktiviert wurde.

   

Raumplastische Betriebsorganisation statt Verpackungsarchitektur
Statt wie üblich die Abkipphalle für die Kehrrichtfahrzeuge direkt an der Erschliessungsstrasse anzuordnen, wurde der Betrieb umgekehrt: die grossflächig verglaste „Showfassade“ zeigt das Innere, nämlich die im Prozessablauf endständige Rauchgasreinigungsanlage mit ihren modernen und umweltschonenden Katalysatoren und Wäschern, während der LkW-Betrieb mittels der beiden Verkehrskreiseln um die Anlage herum geführt und nordseitig angeordnet wurde.

 





Jedes Betriebsteil hat seine eigenständige Volumetrie, Form und Materialität, ist Ausdruck und Abbild der funktionellen Leistung. Einzig die Gesamthöhe wurde auf 35 m festgelegt (abgesehen von technischen Aufbauten); dadurch ergaben sich auch die den Betriebteilen entsprechenden Vertiefungen im Erdreich.

   

Andrea Roost: „Die Konfiguration der Grossform ist das Resultat der inneren Disposition. Die Fassaden des Zweckbaus müssen nachträglich nicht mit sentimentalen oder unsachlichen Dekorationen ergänzt werden, was mit dem Charakter der Entsorgungsanlage wenig gemein hätte. Anstelle eines Schmuckes treten die durch die Funktionsabläufe exakt geprägten Formen.“

   

Funktionen und räumliche Qualitäten
Eine der Besonderheiten im Entwurf und in der betrieblichen Gestaltung dieser KVA bildet ein architektonischer Erlebnisweg für die Besucher. Er ist rot markiert und windet sich durch die gesamte Maschinerie, die Kontrollbüros, öffnet immer wieder direkte und überraschende Einblicke in die teils unheimliche Welt der Abfallentsorgung. Gleichzeitig pendelt diese „promenade architecturelle“ zwischen Innenleben und phantastischem Ausblick in die Alpen des Berner Oberlandes, die der Besucher auf dem „top of KVA“ wie auf einer Reling eines Ozeandampfers geniessen kann.
 



Beton: Konstruktion und Qualität
Im Planungs- und Bauprozess spielte die exakte Fügung von Betriebstechnik in dem architektonischen Behälter – und umgekehrt – eine entscheidende Rolle. Die Volumina, die aus rohem Sichtbeton bestehen, mussten qualitativ hochstehend und präzis gegossen werden, um ein exaktes Passstück zur unerbittlichen Präsenz des Stahlkolosses im Innern der Anlage zu bilden. Hier zeigt sich die Gestaltungskraft des Betons in einer Synthese von architektonischer Form und absoluter Betriebstauglichkeit. Dies wird nicht nur auf dem Besucherweg visualisiert durch die unterschiedliche Farbgebung und Materialität, sondern findet das Abbild im konstruktiv-technischen Detail, z.B. im Bereich des Zusammentreffens beider „Kulturen“ im Bereich des Dachrandes beim Rauchgasreinigungsgebäude.
 

Fazit
Das architektonische Konzept der KVA Thun ist sowohl Kontrast wie Synthese zwischen dem „archaisch anmutenden Bunkergebäude aus Sichtbeton und dem ambivalenten Glaskörper der Rauchgasreinigung mit seiner räumlichen Tiefenwirkung“ (A. Roost), sowie der Konstellation aus Stahlgerüsten und Ver- und Entsorgungsrohren der gebäudetechnischen Infrastruktur bzw. dem inneren betriebstechnischen Organismus. Die in Grundriss und Schnitt ersichtlichen Überlagerung der gestalterischen und betrieblichen Welt führt zu collageartigen Bildern in den verschiedenen möglichen Lesearten des Gebäudes, am deutlichsten natürlich in der Transparenz des Kernstücks der ökologischen Entsorgung, der Rauchgasanlage.
   
Quellen
Pläne und Dokumentation: Architekten
Panoramas: Marco Homberger, CH-6004 Luzern
Autor
Prof. Dr. Ulrich Pfammatter, CH-5618 Bettwil
 
     

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