Anhang ND: Leistung steht im Mittelpunkt
Beton bleibt einer der wichtigsten Baustoffe im Hoch- und Tiefbau. Gerade deshalb ist seine Weiterentwicklung zentral. Wer die Emissionen beim Bauen senken will, muss nicht nur über neue Bauweisen sprechen, sondern auch über den Beton, der weiterhin gebraucht wird. Neben einer optimierten Tragstruktur liegt ein wichtiger Hebel in einer gezielt auf die erforderliche Leistung abgestimmten Betonzusammensetzung.
Mit dem nationalen Anhang ND zur SN EN 206 kann in der Schweiz erstmals das leistungsbezogene Entwurfsverfahren für Beton angewendet werden. Im Mittelpunkt stehen die geforderten Eigenschaften, etwa Festigkeit, Dauerhaftigkeit und Verarbeitbarkeit. Für die Zusammensetzung entstehen dadurch zusätzliche Spielräume. So können zementreduzierte Rezepturen, CO₂-optimierte Ausgangsstoffe und Materialien aus der Kreislaufwirtschaft gezielter eingesetzt werden, sofern die technischen und normativen Anforderungen nachweislich erfüllt werden.
Für Bauherrschaften und Planende eröffnet sich damit eine konkrete Chance. CO₂-Reduktion wird nicht erst über das Gebäudekonzept oder die Tragstruktur möglich, sondern auch über eine frühzeitige Zieldefinition, die leistungsbezogene Festlegung des Betons und eine sorgfältige Qualitätssicherung.
Vom Normenspielraum zur Baustellenpraxis
Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigen inzwischen erste gebaute Beispiele. Eines davon ist ein Mehrfamilienhaus der TERRA Immobilien AG in Winterthur. Für die Bauherrschaft stand dabei keine formelle CO₂-Vorgabe im Vordergrund.
«Wir verfolgen neue Entwicklungen aufmerksam und wollten das Potenzial des Anhangs ND in der Praxis umzusetzen», sagt Rolf Weilenmann von TERRA Immobilien AG. Die Initiative entstand im engen Austausch zwischen der Bauherrschaft und dem Betonlieferanten Toggenburger AG. Zunächst wurden technische Möglichkeiten, Risiken und Garantien diskutiert. Anschliessend beschlossen Bauherrschaft, Ingenieur, Baumeister und Betonlieferant die Umsetzung gemeinsam. Damit zeigt das Projekt einen wichtigen Punkt: Der Anhang ND entfaltet sein Potenzial nicht automatisch. Er braucht Fachwissen, klare Absprachen und die Bereitschaft, Verantwortung gemeinsam zu tragen.
Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigen inzwischen mehrere gebaute Beispiele. Neben dem Mehrfamilienhaus in Winterthur wurden die neuen Möglichkeiten auch bei der Umnutzung der Mühle Grüsch eingesetzt.
Beton leistungsbezogen bestellen
Der Anhang ND erweitert die bisherigen Möglichkeiten bei der Betonwahl. Für jedes Bauteil wird genauer betrachtet, welche Leistung der Beton tatsächlich erbringen muss. Auf dieser Grundlage kann der Betonhersteller die Zusammensetzung gezielt optimieren und geeignete Ausgangsstoffe kombinieren. Daraus kann sich Spielraum ergeben, den Zementgehalt und die damit verbundenen CO₂-Emissionen zu senken. Ziel ist jedoch nicht, möglichst wenig Zement einzusetzen, sondern die Ausgangsstoffe so aufeinander abzustimmen, dass die geforderte Leistung mit möglichst geringen Emissionen erreicht wird. Dabei bleibt die Dauerhaftigkeit entscheidend, denn nur ein Beton, der seine Funktion über die vorgesehene Nutzungsdauer erfüllt, ist auch ökologisch sinnvoll. Die Verantwortung für die Zusammensetzung liegt beim Betonhersteller. Die geforderten Eigenschaften müssen mit den vorgesehenen Prüfungen nachgewiesen und während der Ausführung kontrolliert werden. Qualität, Normkonformität und Dauerhaftigkeit bleiben verbindlich.
Im Projekt in Winterthur kam Beton nach Anhang ND in weiten Teilen des Gebäudes zum Einsatz. Ergänzend wurden rezyklierte Gesteinskörnungen und Recyclingwasser verwendet. Der Einsatz erfolgte dort, wo die technischen Anforderungen dies zulassen und die geforderten Eigenschaften zuverlässig erfüllt werden konnten. Wo besondere bauliche Anforderungen bestanden, wurde gezielt auf eine andere Betonsorte gewechselt. Gerade diese Differenzierung macht das Beispiel interessant. Anhang ND ist kein Standardrezept für jedes Bauteil, sondern ein Instrument für eine präzisere Betonwahl. Er ermöglicht CO₂-Reduktionen dort, wo die technischen Randbedingungen, die Qualitätssicherung und die normativen Anforderungen dies zulassen.
Qualität bleibt entscheidend
Der entscheidende Praxistest erfolgte bereits bei der ersten Betonieretappe. Die Verarbeitung auf der Baustelle verlief wie vorgesehen, und die ersten Ergebnisse waren überzeugend. Während der Ausführung im Rahmen aller Betonieretappen wurden Frischbetonprüfungen durchgeführt sowie Probewürfel hergestellt und ausgewertet. Vertreter des Betonlieferanten Toggenburger AG begleiteten die Arbeiten vor Ort.
Die Erfahrungen zeigen auch: CO₂-ärmere Rezepturen verlangen Aufmerksamkeit. Witterung, Verarbeitbarkeit und Ausschalfristen müssen berücksichtigt werden. Bei tiefen Temperaturen können längere Ausschalfristen erforderlich sein. Bei hohen Temperaturen kann die Fliessfähigkeit gezielt angepasst werden müssen.
Das ist kein Nachteil, sondern Teil einer sorgfältigen Anwendung. Wer den Spielraum des Anhangs ND nutzen will, braucht eine gute Abstimmung zwischen Planung, Ausführung und dem Betonhersteller.
39 Tonnen CO₂ eingespart
Insgesamt wurden beim Mehrfamilienhaus in Winterthur rund 916 Kubikmeter Beton nach Anhang ND eingebaut. Gegenüber der ursprünglich vorgesehenen Betonsorte konnten damit rund 39 Tonnen CO₂ eingespart werden. Eine formelle Ökobilanz des gesamten Gebäudes wurde nicht durchgeführt. Die ausgewiesene CO₂-Reduktion ist auf die optimierten ND-Rezepturen zurückzuführen. Der Einsatz von rezyklierten Gesteinskörnungen und Recyclingwasser leistete zusätzlich einen Beitrag zur Ressourcenschonung. Für die Bauherrschaft standen dabei nicht wirtschaftliche Vorteile im Vordergrund. Ziel war es, Erfahrungen zu sammeln und die Praxistauglichkeit der neuen Möglichkeiten aufzuzeigen.
Eine Chance für Bauherrschaften
Das Beispiel aus Winterthur zeigt: Der Anhang ND ist mehr als eine technische Ergänzung der Norm. Er schafft einen neuen Handlungsspielraum für Bauherrschaften, Ingenieure, Architektinnen und Ausführende. Wer früh im Projekt die richtigen Fragen stellt, kann diesen Spielraum nutzen: Welche Anforderungen sind wirklich notwendig? Welche Eigenschaften muss der Beton erfüllen? Wo lassen sich Rezepturen optimieren? Und wie wird die Qualität in der Ausführung sichergestellt? Für Rolf Weilenmann ist die Antwort nach dem ersten Projekt klar: «Die positiven Erfahrungen haben dazu geführt, dass wir den Ansatz bereits bei einem weiteren Projekt wieder anwenden.»
Das Projekt in Winterthur steht damit nicht für eine Ausnahme, sondern für eine Entwicklung. Der Weg zu CO₂-ärmerem Bauen führt nicht nur über neue Materialien oder spektakuläre Pilotprojekte. Er beginnt oft dort, wo Bauherrschaften, Planungsteams und Ausführende bereit sind, bestehende Standards genauer zu hinterfragen und die neuen Möglichkeiten der Norm verantwortungsvoll zu nutzen.
Anhang ND
Die Schweiz hat den nationalen Anhang ND zur SN EN 206 im Februar 2025 eingeführt. Damit kann erstmals das leistungsbezogene Entwurfsverfahren für Beton angewendet werden. Zwei bisher geltende Grenzwerte für die Betonzusammensetzung werden dabei aufgehoben. Das schafft zusätzliche Spielräume, um die Zusammensetzung auf die geforderte Leistung abzustimmen sowie CO₂-optimierte Ausgangsstoffe und Materialien aus der Kreislaufwirtschaft einzusetzen.
Die Anforderungen an Verarbeitbarkeit, Druckfestigkeit und Dauerhaftigkeit bleiben unverändert. Auch nach Anhang ND dürfen ausschliesslich zertifizierte oder in der Schweiz anerkannte Ausgangsstoffe verwendet werden. Die bisherigen Verfahren der SN EN 206 können weiterhin alternativ angewendet werden. Beim gelieferten Beton handelt es sich weiterhin um Beton nach Eigenschaften.
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