Interview, Innovation
4 Min.

Warum Pietro Lura den Baustoff immer wieder neu entdeckt

Betonsuisse im Gespräch mit Prof. Pietro Lura über Forschung, Verantwortung und die Zukunft des Baustoffs

Warum Pietro Lura den Baustoff immer wieder neu entdeckt

Beton verstehen, um besser zu bauen

Beton begleitet Pietro Lura seit vielen Jahren. Nicht nur als Forschungsgegenstand, sondern als Baustoff, der ihn immer wieder überrascht. Genau das macht ihn für den Professor der ETH Zürich so interessant. Beton ist alltäglich und doch hochkomplex. Er wird weltweit in riesigen Mengen eingesetzt, prägt Infrastrukturen, Städte und Landschaften und verändert sich vom ersten Moment an, in dem Zement und Wasser miteinander reagieren.

Pietro Lura will verstehen, was dabei passiert. Wie sich die Mikrostruktur bildet. Warum Beton schwindet. Wann Risse entstehen. Wie sich Dauerhaftigkeit verbessern lässt. Und wie Beton so eingesetzt werden kann, dass er die Anforderungen an Tragfähigkeit, Sicherheit, Ressourcenschonung und Klimaschutz besser erfüllt.

Seit 2008 leitet Lura die Abteilung Beton und Asphalt an der Empa, seit 2011 ist er Professor am Institut für Baustoffe der ETH Zürich. Seine Forschung konzentriert sich auf die Hydratation und die frühen Eigenschaften von Beton. Also auf jene Phase, in der der Baustoff noch jung ist, aber bereits vieles für seine spätere Qualität entschieden wird.

Für Lura liegt darin eine zentrale Aufgabe der Forschung: Beton nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern seine Mechanismen zu verstehen und daraus Lösungen zu entwickeln. Gerade vor dem Hintergrund der Klimaziele gilt es, die CO₂-Emissionen des Baustoffs weiter zu reduzieren und seine Nachhaltigkeit kontinuierlich zu verbessern. «Denn Beton ist nicht per se das Problem. Entscheidend ist, wie viel davon eingesetzt wird, wofür er verwendet wird und welche Anforderungen er erfüllen muss. Wer nachhaltiger bauen will, muss deshalb nicht nur über Materialien sprechen, sondern auch über Mengen, Lebensdauer, Tragwerkskonzepte und Performance.»

Gerade in dieser Performance sieht Lura einen wichtigen Schlüssel. Beton sollte nicht allein über standardisierte Rezepturen gedacht werden, sondern über die Leistung, die er im jeweiligen Bauwerk erbringen muss. Wie dauerhaft muss ein Bauteil sein? Welche Expositionen wirken darauf ein? Welche Festigkeit ist wirklich nötig? Wo kann Material eingespart werden, ohne Sicherheit und Gebrauchstauglichkeit zu gefährden? Und wo lohnt sich ein besonders dauerhafter Beton, weil er über Jahrzehnte oder Jahrhunderte zuverlässig funktionieren muss?

Normen sind für Lura wichtig, weil sie Sicherheit und Qualität schaffen. Gleichzeitig dürfen sie Innovation nicht unnötig ausbremsen. Entscheidend sei deshalb, dass Normen stärker performanceorientiert gedacht werden.

Diese Fragen sind nicht abstrakt. Sie entscheiden darüber, wie zukunftsfähig unsere Bauwerke sind. Ein Beton, der länger hält, weniger Unterhalt braucht oder gezielter eingesetzt wird, kann Ressourcen schonen und Emissionen reduzieren. Nachhaltigkeit bedeutet für Lura deshalb nicht nur, neue Bindemittel oder neue Zusatzstoffe zu entwickeln. Es bedeutet auch, den Baustoff besser zu verstehen, präziser zu planen und verantwortungsvoller einzusetzen.

Beton als CO₂-Speicher: Forschende der Empa untersuchen, wie Kohlenstoff dauerhaft in Beton eingebunden werden kann. Unter anderem wird dabei der Einsatz von Pflanzenkohle erforscht – ein Ansatz, der im Projekt „Mining the Atmosphere“ weiterentwickelt wird.
Beton als CO₂-Speicher: Forschende der Empa untersuchen, wie Kohlenstoff dauerhaft in Beton eingebunden werden kann. Unter anderem wird dabei der Einsatz von Pflanzenkohle erforscht – ein Ansatz, der im Projekt „Mining the Atmosphere“ weiterentwickelt wird.

Forschung für den Beton der Zukunft

Besonders spannend findet Lura grosse Infrastrukturbauten wie Staudämme und Brücken. Vielleicht auch deshalb, weil er selbst Bauingenieur ist. Solche Bauwerke zeigen, was Beton leisten kann: Sie tragen grosse Lasten, widerstehen Wasser, Frost, Hitze, Druck und Zeit. Gleichzeitig machen sie sichtbar, weshalb Dauerhaftigkeit so entscheidend ist. Eine Brücke oder ein Staudamm wird nicht für wenige Jahre gebaut. Solche Bauwerke sind langfristige Eingriffe in Raum, Landschaft und Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, dass sie zuverlässig, robust und möglichst ressourceneffizient geplant werden.

Der Reiz des Materials liegt für Lura auch darin, dass Beton trotz aller Forschung nie vollständig trivial wird. Er reagiert auf seine Zusammensetzung, auf Temperatur, Feuchtigkeit, Verarbeitung und Nachbehandlung. Kleine Veränderungen können grosse Auswirkungen haben. Genau dieser Überraschungsfaktor macht die Forschung am Baustoff lebendig. Beton fordert dazu auf, genauer hinzusehen.

Dazu nutzt Lura auch moderne Untersuchungsmethoden. Bildgebende Verfahren mit Radiographie und Tomographie ermöglichen Einblicke in das Innere des Materials. Prozesse, die früher verborgen blieben, können heute sichtbar gemacht und besser verstanden werden. Damit verändert sich auch die Art, wie über Beton geforscht und geplant wird.

Eine wichtige Zukunftsperspektive sieht Lura in der Digitalisierung. Digitale Prozesse können helfen, Beton gezielter zu planen, Eigenschaften besser vorherzusagen und Daten aus Herstellung, Ausführung und Nutzung stärker miteinander zu verbinden. Damit entstehen neue Möglichkeiten, um Qualität zu sichern, Material effizienter einzusetzen und den Baustoff stärker an die Anforderungen eines konkreten Bauwerks anzupassen.

Der Blick in die Zukunft ist für Lura deshalb weder technikgläubig noch pessimistisch. Beton wird auch in Zukunft gebraucht werden. Die entscheidende Frage ist, wie wir mit ihm umgehen. Forschung kann dazu beitragen, den Baustoff nachhaltiger, dauerhafter und intelligenter einzusetzen. Nicht überall mehr Beton, sondern dort der richtige Beton, in der richtigen Menge und mit der richtigen Leistung.

Ein weiteres Forschungsfeld liegt in neuen Zementen, alternativen Bindemitteln und der Frage, wie Beton über seine gesamte Lebensdauer hinweg klimafreundlicher werden kann. Dazu gehört auch die Kohlenstoffspeicherung im Beton. Beton kann CO₂ aufnehmen und dauerhaft binden, etwa durch natürliche Rekarbonatisierung oder gezielte technische Verfahren. Für Lura zeigt sich daran, dass Nachhaltigkeit nicht an einer einzelnen Stellschraube hängt. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Materialentwicklung, Dauerhaftigkeit, intelligenter Planung und einem präzisen Verständnis der Prozesse im Baustoff.

Das Gespräch mit Pietro Lura zeigt: Beton ist mehr als ein Massenbaustoff. Er ist ein Material voller innerer Prozesse, technischer Möglichkeiten und gesellschaftlicher Verantwortung. Wer ihn verbessern will, muss ihn verstehen. Genau darin liegt für Lura die Faszination seiner Arbeit.

Beste Dank für das Interview.

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