Ein Haus, ein Material, eine klare Haltung
Am Fusse des Zugerbergs verschwinden fast im Monatsrhythmus zeittypische Bauten aus dem vergangenen Jahrhundert und weichen architektonisch wenig ambitionierten Mehrfamilienhäusern, die anschliessend verkauft oder vermietet werden. Vielen fehlt es an Charakter. Bauherr Raphael Speck selbst ging einen anderen Weg: Er ersetzte ein baufälliges Wohnhaus durch ein prägnantes Einfamilienhaus aus Beton und wohnt seit Anfang Jahr selber darin. Speck hat sich mit diesem Haus einen Traum erfüllt, bei dem die Reduktion von Form und Materialisierung in aller Konsequenz umgesetzt wurde.
Der viergeschossige Monolith steht rechtwinklig zum Hang und erinnert in seiner Form an einen Container. Unauffällig schiebt sich das Volumen ins Gelände und fällt in seiner Schlichtheit dennoch auf: ein architektonisches Statement – ein Highlight am Hang. Das Besondere an diesem Haus: Der Sichtbeton prägt sowohl die Fassaden als auch die Innenräume. Zudem übernimmt der Baustoff gleichzeitig mehrere Funktionen. Er ist gestalterisches Element, robustes Tragwerk und fertige Oberfläche in einem. Auf Unterlagsböden, Decken- und Wandverkleidungen, aber auch auf Gipser- und Malerarbeiten konnte verzichtet werden.
Wohnen im Dialog mit Architektur
«Ich bin in einem Einfamilienhaus aufgewachsen und schätze Privatsphäre», gesteht Raphael Speck. Gleichzeitig räumt er ein, dass dies heute, wo Verdichtung gefragt ist, ein Luxus sei. Wohnen bedeutet für den 65-jährigen Zuger nicht bloss, sich in den eigenen vier Wänden aufzuhalten, sondern in einem Dialog mit Architektur zu stehen. «Der Mensch ist ein architektonisches Wesen», ist Speck überzeugt. Seit den Jugendjahren ist er um die Welt gereist, hat während 25 Jahren im Ausland gelebt und dabei sein Augenmerk in den jeweiligen Destinationen immer auf besondere Bauten gelegt. Als er seine berufliche Tätigkeit beendete und klar war, dass er auf seinem Grundstück einen Neubau erstellen würde, schrieb er sich an der ETH für ein Architekturstudium ein und entwickelte das Konzept für sein privates Bauvorhaben. «Ich wollte mit den Baufachleuten auf Augenhöhe diskutieren können und mich nicht vorschnell von meinen Ideen abbringen lassen, nur weil sie nicht konform sind», umschreibt Speck seine Motivation. Mit seinen 40 Jahre jüngeren Kommilitonen hinterfragte er auch verbreitete Annahmen: etwa, dass Holz automatisch nachhaltig und Beton problematisch sei. Für Speck ist das zu einfach gedacht. Entscheidend sei, wie man einen Baustoff einsetzt. Für ihn war von Anfang an klar, dass er ein Betonhaus erstellen wollte. «Beton ist schön, gradlinig, ausdrucksstark und ehrlich – und bei effizientem Einsatz auch nachhaltig.» Punkto Formbarkeit und Schallisolation sei der Baustoff ohnehin nicht zu toppen.
Eine Vision, gemeinsam umgesetzt
Anlässlich einer ETH-Seminarwoche im Tessin zum Thema «Beton und Stein» lernte Raphael Speck den Architekten Giacomo Guidotti kennen. Der 54-Jährige ist ein renommierter Schüler des Architekten Luigi Snozzi und hat in Monte Carasso bei Bellinzona, wie auch Snozzi, mehrere Projekte realisiert, bei denen Beton eine zentrale Rolle spielt. Speck war begeistert, erzählte Guidotti von seinen Plänen und unterbreitete ihm wenige Wochen später sein Baukonzept. Formgebung, Ausrichtung, Anzahl und Aufteilung der Geschosse, Materialisierung: dies alles hatte der Bauherr – im Wissen um Höhenkurven und Sonnenstände – in Eigenregie definiert.
Guidotti war angetan, wirkte gestaltend und technisch an der Finalisierung des Konzepts mit und zeichnete die Ausführungspläne. «Giacomo war sogar noch radikaler als ich und gab mir wichtige Inputs», erzählt Speck und man spürt förmlich, wie viel Freude es ihm bereitete, den Planungs- und Bauprozess seines Eigenheims mit ambitionierten Profis zu gestalten, die bereit waren, sich auf unkonventionelle, aufwändige oder wenig erprobte Lösungsansätze einzulassen. Dazu zählen auch der Baumeister, der Polier und die involvierten Handwerker, die gezwungen waren, sich untereinander präzise abzustimmen, um insbesondere technische und bauphysikalisch komplexe Schnittstellen sauber auszuarbeiten; seien es filigrane rechtwinklige Betonkanten oder diskret integrierte Storenschächte und Schiebetüren. Dazu gehörte auch das Unterfangen, die Doppelbetonwände an den Fassaden nur einmal zu giessen, was keineswegs Usanz ist. Durch die radikale Reduktion auf Beton – inklusive Treppenhaus – nahmen die Baumeisterarbeiten überdurchschnittlich viel Zeit in Anspruch. Der Innenausbau – ohne Schnickschnack und Konzessionen – verlief dafür umso schneller. Wir sprechen dabei von 250 Quadratmetern Wohnfläche.
Ästhetik, Behaglichkeit und Energieeffizienz
Der Beton wurde im nahegelegenen Kies- und Betonwerk Cham gemischt und vor Ort in die Schalungen gegossen. Für die Wände kam Pumpbeton mit einer maximalen Korngrösse von 16 Millimeter zum Einsatz, für Böden und Decken Monobeton mit maximaler Korngrösse von 32 Millimeter. Das dominierende, in seiner Erscheinung je nach Teilfläche leicht changierende Material korrespondiert mit den wenigen, klug konzipierten Innenausbauten aus Weisstanne. Die grosszügige Raumhöhe von 2.73 Metern zieht sich durch sämtliche Räume und die eindrücklichen Fensterflächen, die sich über 155 Quadratmeter erstrecken, bieten Ausblicke Richtung Zugersee, Alpen, Schwarzwald und gegen den nicht minder idyllischen Hang mit Wiesen, Gärten und altem Baumbestand. Während die Aussicht durch die dreifachverglasten Fenster geradezu atemberaubend ist, gewährt das Haus dank Ausrichtung und Grundriss nur reduzierte Einblicke. Ein Aspekt, der die Behaglichkeit zusätzlich steigert.
Auch beim Energiekonzept ging der Bauherr eigene Wege. Das Haus produziert eigenen Strom. Geheizt und gekühlt wird mit einem thermoaktiven Bauteilsystem (TABS). Es nutzt die massive Betonstruktur als Wärmespeicher. Dazu wurden die Rohrleitungen direkt in die Betonböden respektive -decken einbetoniert, durch die nun das Wasser als Heiz- oder Kühlmedium fliesst. An kalten Tagen reicht eine Vorlauftemperatur von 24 bis 25 Grad, um im ganzen Haus eine Raumtemperatur von 22 Grad zu erreichen. Im heissen Sommer 2026 konnte das Haus mit einem Vorlauf von 19 bis 20 Grad auf angenehme 23 Grad gekühlt werden. Mit einer maximalen Differenz von lediglich sechs Grad wird also geheizt oder gekühlt. «Der Heizungsplaner hat sich zuerst geweigert, dieses System einzubauen», kommentiert Speck mit Schalk im Gesicht. «Weil er es partout nicht im Wohnungsbau anwenden wollte. Doch ich habe darüber an der ETH viel Positives gehört und Guidotti unterstützte meine Idee.» Tatsächlich kommt das System vor allem in Gewerbebauten zum Einsatz. Im Wohnungsbau ist es noch selten. Das Zuger Beispiel zeigt, dass es auch dort funktioniert. Das Raumklima im Betonhaus ist angenehm und ausgeglichen.
Der Aufenthalt im «Beton-Container» und das Erkunden der spartanisch eingerichteten Räume kommt einem Erlebnis gleich. Es erstaunt nicht, dass Passanten immer wieder fasziniert stehen bleiben, das Bauwerk bewundern und dem Eigentümer zu seinem Mut gratulieren. Hier entstand nicht bloss ein Einfamilienhaus, sondern ein Stück zeitlose Baukultur, die an dieser Lage nach ihresgleichen sucht.
Herzlichen Dank an Sabine Windlin für den Artikel und an Alexander Arregui Leszcz von ARCHIBATCH Architekturfotografie für die Bilder.