Beton-People, Interview
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Wenn Beton zu klingen beginnt

BETONSUISSE im Gespräch mit Dr. Martin Hengstermann, der sein Wissen als Ingenieur mit seiner Leidenschaft für den Gitarrenbau verbindet.

Wenn Beton zu klingen beginnt

Vom Werkstoff zum Klangkörper

Die Idee entstand auf dem Sofa: Warum nicht eine E-Gitarre aus Carbonbeton bauen? Dr. Martin Hengstermann verband damit zwei Welten, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: seine frühe Leidenschaft für den Gitarrenbau und sein Wissen als Ingenieur. Drei Jahre, rund 20 Prototypen und viele Rückschläge später war ein Instrument entstanden, das ähnlich leicht ist wie eine klassische E-Gitarre aus Holz. Im Interview erzählt Hengstermann, wie Beton zum Klangkörper wurde, welche technischen Hürden er überwinden musste und warum sich manche Vorurteile hartnäckig halten.

Gitarre
Gitarre

Herr Dr. Hengstermann, wenn Sie jemandem in einem Satz erklären müssten, was Sie machen: Wie würden Sie Ihre Gitarren beschreiben? 
Ich baue weltweit einzigartige E-Gitarren aus Carbonbeton, mit hervorragendem Klang, bei gleichem Gewicht von E-Gitarren aus Holz.

Sie sind Ingenieur und Gitarrenbauer. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Kombination? 
Ich habe schon als Teenager angefangen E-Gitarren zu bauen und wollte das eigentlich immer weiterverfolgen. Durch mein Studium kam ich dann erstmals mit dem Werkstoff Carbonbeton in Berührung. Es hat aber noch ein paar Jahre gedauert, bis ich auf die Idee gekommen bin, daraus E-Gitarren zu bauen.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie dachten: Warum eigentlich keine Gitarre aus Beton? 
Ich sass auf der Couch in meiner Wohnung in Leipzig und dann dachte ich mir, warum baue ich eigentlich nicht E-Gitarren aus Carbonbeton, das gibt es doch bestimmt noch nicht am Markt. Zufälligerweise hatte mein ehemaliger Mitbewohner in Dresden einen Kumpel, der mittlerweile den Betrieb «Cemento» in Leipzig übernommen hatte. Die Firma stellt u.a. sehr hochwertige Hollywood-Sterne für die eigene Terrasse und die originalen DDR-Waschbetonmülleimer her, die in Ostdeutschland allgegenwärtig sind. Ohne ihn hätte ich das niemals geschafft.

Viele verbinden Beton mit Brücken, Gebäuden oder Tunneln – aber kaum mit Musikinstrumenten. Was hat Sie an diesem Gedanken gereizt? 
Tatsächlich ging es im ersten Moment erstmal um den Unique Selling Point. E-Gitarren gibt es millionenfach in jeder möglichen Form aus Holz. Aber aus Carbonbeton noch nicht. Und dann kam natürlich die Herausforderung. Ist es wirklich möglich, die E-Gitarre so leicht wie eine aus Holz zu bauen?

Weshalb fiel die Wahl auf Carbonbeton? 
Wenn man mal tiefer in die Materie eintaucht, sind Carbonbeton und Holz in ihrer Konstruktionsweise gar nicht so verschieden. Es sind Fasern, die in eine bestimmte Richtung ausgerichtet sind, und von einer Matrix umhüllt sind. Nur dass es bei Carbonbeton «ideal» nachgestellt werden kann, im Gegensatz zu Holz, das immer unterschiedlich wächst. Die Carbonfasern sind zudem Aufgrund ihres hohen E-Moduls auch als Klangkörper sehr gut geeignet. Es gibt mittlerweile zahlreiche Musikinstrumente aus carbonfaserverstärktem Kunststoff (CFK). Der Vorteil gegenüber CFK ist beim Carbonbeton aber die viel einfachere Herstellung (Giessen statt Fräsen) und die deutlich niedrigeren Materialkosten. Das macht den Werkstoff daher sehr attraktiv.

Gab es Menschen, die Ihnen gesagt haben: «Das kann gar nicht funktionieren»? 
So gut wie jeder hat mir das gesagt. Dass das unmöglich ist. Man kann prinzipiell sehr einfach E-Gitarren aus Beton giessen, die wiegen dann aber ca. 9 kg. Eine E-Gitarre aus Holz hingegen ca. 3 kg. Das ist eine Hausnummer.

Wie viele Prototypen brauchte es, bis die erste Gitarre wirklich Ihren Vorstellungen entsprach? 
Ich habe in den drei Jahren Entwicklungszeit ungefähr 20 Prototypen hergestellt, bis ich das Zielgewicht erreicht habe und die Gitarre gleichzeitig stabil war. Mit sehr vielen Rückschlägen, sodass ich zwischendurch der Meinung war, die anderen Menschen hatten wohl alle Recht. Das war überaus frustrierend. Aber ich habe es immer weiter und weiter probiert.

Welche technischen Herausforderungen waren am schwierigsten zu lösen? 
Selbst mit einem Leichtbeton ist die Dichte von Beton doppelt so hoch wie von Holz. Der Korpus der E-Gitarre muss also halb so dick sein, damit er gleich viel wiegt. Da kommt das Problem. Der lange Hals wird an den Korpus geschraubt, genau an der Stelle ist der Korpus am dünnsten. Jeder Beton, egal wie sehr verstärkt, bricht an dieser Stelle, sobald der Hals vom Spieler minimal bewegt wird. Es hat sehr viele Versuche gebraucht, bis ich das eingesehen habe. Deshalb kam mir die Idee, eine CFK-Platte in den Beton als Halsaufnahme einzugiessen. Die Platte ist extrem biegesteif und verformt sich nur minimal und kann somit die Kräfte des Halses aufnehmen und der Beton bleibt ganz. Das habe ich dann zum Patent angemeldet.   
 

E-Gitarren aus Carbonbeton

Wie beeinflusst Carbonbeton den Klang einer Gitarre? 
Das generelle Feedback der Kundschaft ist ein sehr homogener Sound in allen Tonlagen. Der Ton klingt also in allen Tönen sehr gleichmässig, es wird nichts verschluckt oder verstärkt. Zudem ist der Ton sehr langanhaltend, wenn man einmal eine Saite anspielt. Das schätzen sehr viele Gitarristen und ist ein Qualitätsmerkmal einer sehr guten Gitarre. 

Können Musiker den Unterschied zu einer klassischen Holzgitarre hören oder eher fühlen? 
Der Klang wird – im Gegensatz zu einer Akustikgitarre – bei einer E-Gitarre nur in geringem Mass vom Korpus beeinflusst. Viel wichtiger sind natürlich das Schwingungsverhalten der Saiten, die Tonabnehmer und der Verstärker. Und natürlich vor allem wie gut jemand spielen kann. Ein Profimusiker oder Musikerin merkt aber auch den Unterschied des Korpus, eben beispielsweise dadurch, wie lange der Ton schwingt. Also ja, insbesondere Profimusiker hören einen Unterschied. 

Gibt es Eigenschaften des Materials, die Holz gar nicht bieten kann? 
Das Beste am Carbonbeton ist die Reproduzierbarkeit des Klangs bzw. des Schwingungsverhaltens. Während der klassische Gitarrenbauer mit unterschiedlich klingenden Hölzern arbeiten muss, habe ich es hier deutlich einfacher. Und natürlich, dass man den Korpus einfach giessen kann, ohne viele Späne und endloses Abschleifen.

Was empfinden Sie, wenn jemand zum ersten Mal eine Ihrer Gitarren in die Hand nimmt und realisiert, dass sie aus Beton besteht? 
In der Regel sind die Musikerinnen und Musiker vom Klang sehr angetan. Das macht mich natürlich stolz. Häufig kommt zunächst aber auch das typische Vorurteil, dass eine Gitarre aus Beton unglaublich schwer sein müsse. Das nervt mich manchmal etwas.

Einmal war ein hervorragender Profimusiker bei mir im Laden und hatte seinen eigenen Verstärker mitgebracht. Nach ungefähr 30 Minuten Spielen fiel ihm beinahe die Kinnlade herunter. Er war überrascht, welche Töne aus dem Verstärker kamen, und meinte, ich müsse das unbedingt aufnehmen, weil ihm das sonst niemand glauben würde. Auch ein bereits sehr bekannter Musiker hat meine Gitarre getestet. Er sagte mir anschliessend, sie gehöre zu den bestklingenden Gitarren, die er je gespielt habe. Darauf war ich schon ziemlich stolz.

Dürfen Sie uns einen bekannten Musiker nennen, der bereits eine Ihrer Gitarren gespielt oder verwendet hat?
Mike Skinner von «The Streets» hat meine Gitarre in einem seiner Videos benutzt. Ansonsten ist es leider relativ schwierig einem bekannten Musiker seine eigene Gitarre in die Hand zu drücken. Bekannte Musiker sind in der Regel von den grossen Gitarrenfirmen gesponsort, dürfen also öffentlich nur die Gitarren dieser Marke spielen, dafür bekommen sie dann Geld.

Spielen Sie selbst Gitarre? Gibt es einen Song, der auf einer Beton-Gitarre besonders gut klingt? 
Ich habe es als Teenager nie über die Fähigkeiten eines Amateur-Spielers geschafft und bin kein guter Gitarrenspieler. 

Sehen Sie Carbonbeton künftig auch bei weiteren Musikinstrumenten oder bleibt die Gitarre etwas Einzigartiges? 
Dieses Jahr bringe ich den ersten Bass und auch Ukulelen auf den Markt.

Was zeigt Ihr Projekt über das Potenzial moderner Betonwerkstoffe allgemein? 
Dass Beton nicht nur ein Baustoff, sondern auch ein super Klangwerkstoff ist. Wer hätte das gedacht.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Wie soll Ihr Projekt in zehn Jahren wahrgenommen werden? 
Es wäre schon toll, wenn die E-Gitarren direkt als ernsthafte Instrumente wahrgenommen werden würden. Dafür braucht es natürlich viel Zeit, vermutlich eher 30 Jahre. Aktuell sind die Vorurteile leider sehr gross. Ein Gespräch mit Europas grösstem Musikhändler hat es auf den Punkt gebracht: «Beton klingt nicht gerade sexy.» 

Welches Vorurteil über Beton würden Sie gerne aus der Welt schaffen? 
Es kommen eigentlich immer die zwei gleichen Vorurteile: Die Gitarre muss unglaublich schwer sein und ganz furchtbar klingen. Beides stimmt aber nicht.

Und ganz zum Schluss: Was begeistert Sie persönlich am Werkstoff Beton bis heute?
Wie vielseitig Beton doch ist.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir sind gespannt, welche Töne Sie dem Beton als Nächstes entlocken.
 

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