Nachhaltigkeit, Interview
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Schwammstadt-Prinzip: Regenwasser für klimaangepasste Städte

Wenn Starkregen und Trockenperioden häufiger werden, muss auch der Umgang mit Regenwasser neu gedacht werden. Eine Schwammstadt nimmt Regenwasser möglichst dort auf, wo es anfällt. Es wird gespeichert, versickert, verdunstet, gereinigt oder wiederverwendet. So werden Kanalisationen entlastet, Stadtbäume mit Wasser versorgt und das Stadtklima verbessert. Dadurch wird das Regenwasser als wertvolle Ressource vor Ort genutzt.

Schwammstadt-Prinzip: Regenwasser für klimaangepasste Städte
Das Schwammstadt-Prinzip am Beispiel des Johann-Nepomuk-Vogl-Platzes in Wien. © DI Karl Grimm
Das Schwammstadt-Prinzip am Beispiel des Johann-Nepomuk-Vogl-Platzes in Wien. © DI Karl Grimm

Wie wird aus dem Prinzip Schwammstadt gebaute Realität?

BETONSUISSE hat Thomas Rohr, Bauingenieur und Projektleiter bei CREABETON, gefragt, wie sich das Schwammstadt-Prinzip in die Praxis übersetzen lässt, welchen Beitrag vorgefertigte Betonlösungen leisten können und wie Regenwasser zum Baustein einer klimaangepassten Stadt wird.

Was bedeutet das Schwammstadt-Prinzip?
Die Schwammstadt verfolgt das Ziel, den natürlichen Wasserkreislauf in urbanen Räumen wiederherzustellen. Regenwasser soll gespeichert, gereinigt, versickert und bei Trockenheit wieder verfügbar gemacht werden.

Weshalb gewinnt das Thema aktuell so stark an Bedeutung?
Der Klimawandel führt gleichzeitig zu häufigeren Starkregenereignissen und längeren Trockenphasen. Städte müssen daher Wasserüberschüsse zurückhalten und Wasserdefizite ausgleichen können. Die Schwammstadt bietet hierfür einen integralen Lösungsansatz.

Welche Rolle spielt die Vorfabrikation dabei?
Vorgefertigte Systeme ermöglichen eine hohe Qualität, kurze Bauzeiten, reproduzierbare hydraulische Eigenschaften und lassen sich gut in bestehende Infrastrukturen integrieren. Dadurch können Schwammstadt-Massnahmen wirtschaftlich umgesetzt werden.

Welche Bedeutung haben wasserdurchlässige Beläge?
Sie reduzieren den Oberflächenabfluss, fördern die Versickerung und unterstützen die Grundwasserneubildung. Gleichzeitig verringern sie die hydraulische Belastung der Kanalisation.

Kann Beton überhaupt ein nachhaltiger Baustoff für Schwammstädte sein?
Ja. Nachhaltigkeit entsteht durch die Funktion innerhalb des Gesamtsystems. Wenn ein Betonbauteil über Jahrzehnte Wasser speichern, zurückhalten, reinigen und damit zur Klimaanpassung beiträgt, erzeugt es einen erheblichen ökologischen Nutzen.

Welche Rolle spielen Regenwasserbehandlungsanlagen?
Das auf Verkehrsflächen anfallende Niederschlagswasser enthält Schadstoffe, Mikroplastik und Feinstoffe. Moderne Regenwasserbehandlungssysteme reinigen dieses Wasser, bevor es versickert oder in Gewässer eingeleitet wird.

Worin liegt der Vorteil von Rückhaltesystemen?
Sie reduzieren den Oberflächenabfluss und ermöglichen, dass Niederschlagswasser dort versickert, wo es anfällt. Dadurch kann die Grundwasserneubildung unterstützt, die Kanalisation entlastet und ein Beitrag zur Entsiegelung des urbanen Raums geleistet werden. Besonders interessant sind dabei Lösungen, bei denen versickerungsfähige Beläge mit der Bewirtschaftung des Regenwassers im Untergrund kombiniert werden.

Welche Bedeutung haben Bäume in der Schwammstadt?
Bäume sind natürliche Klimaanlagen. Sie kühlen durch Verdunstung, spenden Schatten und erhöhen die Aufenthaltsqualität. Das Schwammstadt-Prinzip schafft dafür die nötigen Voraussetzungen: Regenwasser kann gezielt in unterirdische Wurzelräume geleitet und dort gespeichert werden. So erhalten Stadtbäume auch während längerer Trockenperioden Wasser und können langfristig grössere und leistungsfähigere Kronen entwickeln.

Wie unterstützt CREABETON urbane Baumstandorte?
Wurzelschutzsysteme, Speicherräume und Schwammstadtlösungen schaffen langfristig stabile Wachstumsbedingungen für Stadtbäume. Unter der befestigten Oberfläche entsteht dabei ein strukturierter Wurzelraum: Ein tragfähiges Skelett aus grobem Material nimmt die Verkehrslasten auf, während die Zwischenräume mit geeignetem Substrat gefüllt werden. So entsteht ein unterirdischer Raum, der gleichzeitig Wurzeln, Wasser und Luft aufnimmt und damit die Voraussetzungen für gesunde Stadtbäume schafft. 

Welche Rolle spielt die Forschung?
Viele Fragestellungen, insbesondere bezüglich Filterwirkung, Wasserspeicherung und zum Langzeitverhalten, werden derzeit wissenschaftlich untersucht. Pilotprojekte liefern wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung.

Warum engagieren Sie sich in Pilotprojekten?
Neue Lösungen müssen in der Praxis validiert werden. Pilotprojekte ermöglichen die Messung hydraulischer, ökologischer und betrieblicher Kennwerte unter realen Bedingungen.

 

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem VSA?
Der Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) entwickelt Grundlagen, Prüfverfahren und Anforderungen für die Regenwasserbewirtschaftung. CREABETON bringt praktische Erfahrungen aus Entwicklung, Produktion und Umsetzung in diesen Prozess ein.

Welche Rolle spielt die SIA?
Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) schafft Planungs- und Bemessungsgrundlagen für Ingenieure und Planende. Dadurch werden innovative Lösungen technisch beschreibbar, normierbar und ausschreibbar.

Warum ist die Zusammenarbeit mit Gemeinden besonders wichtig?
Die Gemeinden sind oftmals Eigentümer und Betreiber der Infrastruktur. Gemeinsam können praxisnahe Lösungen entwickelt werden, die technisch funktionieren und langfristig unterhalten werden können.

Welche Herausforderungen bestehen aktuell noch?
Die Integration von Wasserwirtschaft, Stadtplanung, Verkehr, Landschaftsarchitektur und Betrieb erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit. Zudem fehlen teilweise noch Erfahrungen aus Langzeitbeobachtungen.

Wohin entwickelt sich die Regenwasserbewirtschaftung in den nächsten Jahren?
Der Fokus wird zunehmend auf der dezentralen Speicherung, Wiederverwendung und Reinigung sowie der intelligenten Steuerung von Regenwasseranlagen liegen.

Ist die Schwammstadt also ein Produkt oder ein Gesamtsystem?
Die Schwammstadt ist kein einzelnes Produkt, sondern ein Planungs- und Bauprinzip. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Oberfläche, Unterbau, Wasserführung, Speicherräumen, Vegetation und Infrastruktur. Vorgefertigte Betonbauteile können dabei einzelne Funktionen übernehmen und helfen, solche Systeme zuverlässig und dauerhaft umzusetzen.

Vielen Dank, Herr Rohr, für das interessante Gespräch und die spannenden Einblicke in Ihre Arbeit. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer Lösungen für eine klimaangepasste Stadt.

Die Schwammstadt wird bereits an vielen Orten erprobt.

Ein aktuelles Beispiel ist die Schützenmattstrasse in Bülach: Dort untersucht die Stadt gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Hand, wie Regenwasser vor Ort zurückgehalten, versickert und genutzt werden kann. Sensoren und ein umfassendes Monitoring erfassen unter anderem den Wasserhaushalt, die Temperatur, die Versickerung und das Wachstum der Bäume. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen zeigen, welche Lösungen sich auf andere Standorte übertragen lassen und so eine Grundlage für die klimaangepasste Stadt von morgen schaffen.

An der Schützenmattstrasse werden in drei Bereichen die sechs Aspekte Wasserhaushalt, Temperatur und Stadtraumklima, Baumwachstum, Konzentration und Eindringtiefe von Salz und Schadstoffen, Versickerung und Verdunstung sowie Aufwertung durch Begrünung untersucht. Visualisierung Stadt Bülach
An der Schützenmattstrasse werden in drei Bereichen die sechs Aspekte Wasserhaushalt, Temperatur und Stadtraumklima, Baumwachstum, Konzentration und Eindringtiefe von Salz und Schadstoffen, Versickerung und Verdunstung sowie Aufwertung durch Begrünung untersucht. Visualisierung Stadt Bülach

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