Beton-People, Interview
4 Min.

Brunnen sprudeln mit Beton

Der Brunnen war einst Dreh- und Angelpunkt einer jeden Stadt und in jedem Dorf. Neben lebenswichtigen Wasserspendern waren Brunnen immer auch ein Ort der Begegnung und des Informationsaustauschs. Heute liegt die eigentliche Trinkwasserversorgung meist verborgen im Untergrund. In Rüschlikon zeigt Brunnenmeister Christopher Crameri, wie dank Beton sauberes Wasser sicher gespeichert wird.

Brunnen sprudeln mit Beton

Damit jederzeit sauberes Trinkwasser fliesst

Man findet sie nach wie vor in jeder Siedlung, doch die eigentliche Trinkwasserversorgung ist schon lange in den Untergrund verschwunden. In eine Welt, in der nur wenige Menschen Zugang haben. Dies ist aus gutem Grund so. Moderne Brunnenanlagen sind riesig und müssen Enormes leisten. Ganze Agglomerationen wollen trinken, kochen, duschen oder möchten die Balkonpflanzen giessen. Man dreht den Hahn auf und erhält, ohne gross nachzudenken, sauberes, einwandfreies Trinkwasser. Es bedingt umsichtiges Bauen, damit eine Anlage möglichst lange ihren Dienst verrichten kann. Doch auch Brunnenanlagen haben ein Verfalldatum: einerseits wegen der demografischen Entwicklung, andererseits aus bautechnischen Gründen. Die Bevölkerung ist seit den 1950er Jahren von 4,7 auf gut 9 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner gewachsen. Gewisse Anlagen müssen darum auch aus Kapazitätsgründen erneuert werden.

Wir beleuchten anhand eines aktuellen Beispiels, was es braucht, um im Verborgenen baumeisterliche Wunderbrunnen zu bauen. In Rüschlikon am Zürichsee entsteht derzeit eine neue Anlage. Die bisherige ist zum Teil schon 100 Jahre alt und wird abgelöst. Wir hatten die Möglichkeit, mit dem zuständigen Brunnenmeister zu sprechen. Christopher Crameri leitet die Wasserversorgung der Gemeinde Rüschlikon am Zürichsee und stand für ein Interview bereit. Die neue Anlage wird eine massiv vergrösserte Kapazität aufweisen. Sie wird von 2’500 m3 auf total 4’300 m3 erweitert werden. Das sind rund 30’000 Badewannen, randvoll mit Wasser gefüllt.

Einblick in den Brunnen von Rüschlikon
Einblick in den Brunnen von Rüschlikon

Beton als Trinkgefäss

Um den hohen hygienischen Anforderungen zu entsprechen, wird Trinkwasserbeton verbaut. Ziel ist es, dass keine Schadstoffe ans Wasser abgegeben werden. Der Beton muss zudem wasserundurchlässig ausgeführt sein und darf von weichem Wasser nicht angegriffen werden. Dazu braucht es speziell hochwertigen, hochfesten Zement mit wenig löslichen Stoffen und eine sehr saubere Gesteinskörnung. Der Wasserzementwert muss eine hohe Dichte aufweisen und sulfatbeständig sein. Zum Anmachen ist Trinkwasser vorgeschrieben. Dies sind alles Vorgaben, die Verunreinigungen von vornherein ausschliessen. So wird aus einem Betonkubus ein regelrechtes Trinkgefäss.

Beat Spörndli von Strabag leitet die Arbeiten. Er erläutert uns, wie man es schafft, die Betonoberfläche so glatt wie möglich hinzubekommen. Denn kleine Unebenheiten oder Blasenlöcher könnten Wasser zu lange binden und die Bildung von Bakterien begünstigen. Darum wird der Boden mit Monobeton versehen. Hierzu wird die Oberfläche geschliffen und, darum der Name, «monolithisch» gemacht. An den Wänden ist dies natürlich schwieriger, weil die Schleifmaschinen nicht vertikal fahren können. Hier kommt eine Spezialfolie zum Einsatz, die zwischen Schalung und Beton gespannt wird. Diese Folie hilft, die Wände glatt und den Anforderungen entsprechend zu erstellen. 

Derzeit werden die Reservoirs für Rüschlikon fertiggestellt. Sobald diese den Betrieb aufnehmen, folgt der Bau des Nachbarreservoirs. So bleibt die Versorgung während der Bauzeit sichergestellt. Ende 2027 wird die Anlage fertiggestellt. Danach wird nur noch der Eingang sichtbar sein. Die Reservoirs befinden sich dann unter der Erde. So bleiben die Temperaturen des Trinkwassers in den Brunnen konstant. «Eigentlich schade, dass das Bauwerk später im Untergrund verschwindet», meint Beat Spörndli.

Christopher Crameri, Brunnenmeister Rüschlikon
Christopher Crameri, Brunnenmeister Rüschlikon

Der Meister über Brunnengeister

Wir durften mit dem Brunnenmeister von Rüschlikon, Christopher Crameri, ein Gespräch führen. Themen waren das Lebenselixier Wasser, das Bauen von Brunnenanlagen und was ihn bei seiner Tätigkeit im Fluss hält.

Sind Sie im Sternzeichen Wassermann geboren? Nicht wirklich. Ich bin Widder und Steinbock im Aszendenten. Aber ich bin dem Element Wasser natürlich sehr nahe. Und ich trage im übertragenen Sinne Wasser zu den Menschen. Insofern bin ich natürlich auch ein Wassermann.

Wie sind Sie «Brunnenmeister» geworden? Als gelernter Sanitär hat mich schon immer alles zum Thema Wasser begeistert. Dies hat mich dazu motiviert, mich in diesem Bereich weiterzubilden. Zuerst wurde ich Haustechnikplaner und dann Poolbauer. Der Beruf des Brunnenmeisters war für mich schon immer die Königsklasse. Es freut mich darum sehr, dass ich in meinem Traumberuf tätig sein kann. 

Was umfasst der Beruf genau? Im Prinzip dreht sich alles darum, das wichtigste Lebensmittel überhaupt zur Bevölkerung zu bringen. Der Weg geht vom Reservoir, über die Verteilleitungen, Schieber und Hydranten bis zum jeweiligen Gebäude. Ich bzw. wir stellen sicher, dass Wasser immer reichlich und in bester Qualität zur Verfügung steht. Darum freut es mich auch, dass wir mit der neuen Anlage im Chopfholz auf eine noch bessere Infrastruktur bauen dürfen. 

Man sieht Sie bei der Arbeit kaum. Ihr Arbeitsort bleibt verborgen im Untergrund. Sind Sie eine Art Heinzelmännchen? Wenn man so will, ja. Aber manchmal bekommt man mich schon zu sehen. Bei einem Wasserrohrbruch bin ich sofort zur Stelle. 
 

Der Begriff Brunnenmeister klingt ziemlich nach Mittelalter. Sind Sie auch für die historischen Brunnen über der Erde zuständig? Das hat was. Nicht wenige können sich unter Brunnenmeister etwas vorstellen. Ich sage dann jeweils, dass ich in der Lebensmittelbranche tätig sei. Und ja, ich bin auch für die Brunnen im Dorf zuständig. Diese liefern übrigens alle bestes Trinkwasser.

War das nicht immer so? Nicht alle Brunnen waren ans Trinkwassernetz angeschlossen. Diese Brunnen hatten auch ein Hinweistäfelchen mit dem durchgekreuzten Wasserhahn. Und Fontänenanlagen, wie etwa am See, werden auch direkt mit Seewasser versorgt. Aber die Dorfbrunnen haben nach wie vor Notfallfunktion. Im Fall der Fälle könnte man sich immer noch, wie im Mittelalter, am Brunnen vor dem Tore Trinkwasser holen.

Im Mittelalter ging die Angst vor vergifteten Brunnen um. Diese Angst ist heute unbegründet. Dennoch kann man wohl nicht so einfach in eine Brunnenanlagegelangen? Nein, die Anlagen sind fest verschlossen und sogar mit einer Alarmanlage gesichert. Es geht hauptsächlich um die hohen Hygiene-Standards. Es dürfen sich keine Bakterien bilden. Wir möchten darum so wenig Personen wie möglich ins Innere der Anlage lassen. 

Wie lange bleibt eigentlich Wasser im Reservoir, bis es genutzt wird? Das Limit liegt bei maximal 72 Stunden. Bei uns wird das Wasserlager alle 12 bis 24 Stunden einmal umgewälzt. 

Wie lange bleibt es hygienisch einwandfrei? Trinkwasser sollte möglichst nicht stagnieren, sondern ständig in Bewegung bleiben. Wie bereits erwähnt, beträgt die Verweildauer in einem modernen Reservoir maximal 72 Stunden. Sobald Wasser der Luft ausgesetzt ist, hohe Temperaturen herrschen und keine Bewegung stattfindet, verschlechtert sich die Wasserqualität deutlich schneller. Das lässt sich gut bei Kinderplanschbecken beobachten: Bereits nach einem Tag kann sich am Beckenboden eine Algenschicht bilden. 

Wie merkt man, ob die Wasserqualität schwankt? Wir prüfen die Qualität täglich. Erst visuell, dann vom Geruch und degustiert wird ebenfalls. Zudem prüfen wir die Qualität natürlich laufend per Labor.

Die riesigen Wasserspeicher sind aus Beton gefertigt. Riecht das nicht? Es wird ein spezieller Trinkwasserbeton verbaut. Dann wird ein Reservoir zusätzlich gewaschen, angenetzt, zur Probe gefüllt und wieder abgelassen. Dann wird der Trinkwasserbeton zusätzlich mit Wasserstoff-Peroxid (H2O2) behandelt und wieder gereinigt. Nach einer weiteren Füllung testen wir die Wasserqualität im Labor. Ist alles auf einwandfreiem Qualitätsniveau, kann das Reservoir ans Netz. 

Sind die Rohre auch aus Beton? Bei den Rohren kommen verschiedene Qualitäten zum Zug. Innerhalb der Anlage setzen wir auf Chromstahl. Das ist zwar enorm teuer, aber bürgt für allerbeste Wasserqualität. Die Wasserrohre für die Verteilung zu den Endverbrauchern bestehen oft aus Stahl mit einer Kunststoffschicht. Dann gibt es auch Faserzementrohre oder solche aus hochdichtem Polyethylen. Unter Brunnenmeistern ist das Rohrmaterial zum Teil Glaubensfrage. Wir tauschen uns auch oft dazu aus.

Woher kommt das Wasser und wie? Bei uns wird See- und Quellwasser eingespeist. Andere Anlagen werden mit Grundwasser versorgt. Im See wird das Wasser ziemlich tief, fast am Grund des Sees angesaugt. Die unterste Seewasserschicht ist am saubersten und eignet sich am besten. 

Wo wird es «gereinigt»? Seewasser wird in der Seewasseranlage gereinigt. Das Quellwasser beziehen wir aus dem Raum Biberbrugg. Dieses Wasser wird über mehrere Stufen gereinigt, bis es zu uns ins Reservoir gelangt.

Was macht die Trinkwasserversorgung in einem heissen Sommer? Sie liefert. Dank dem Zürichsee stossen wir eigentlich nie an Grenzen. Man kann also getrost seine Rosen auch in einem Hitzesommer giessen. Dennoch ist es uns wichtig, dass man nicht einfach Wasser verschwendet. Wasser ist ein sehr kostbares Gut, auch wenn es bei uns extrem günstig, in enormen Mengen und allerbester Trinkqualität zur Verfügung steht.

Sie sind im Trinkwassernetzwerk Kilchberg, Rüschlikon, Thalwil, Horgen organisiert. Hilft man sich im Notfall auch weiter aus? So zum Beispiel, wenn Zürich zu wenig Wasser hat? Oder Wädenswil? Ja, klar. Wie jetzt beim Neubau. Während meine Anlage gebaut wird, beziehen wir Wasser von den anderen. Und umgekehrt. Der Austausch im Verbund ist hervorragend.

Was ist eigentlich eine Brunnenstube? Das ist wohl kaum der Aufenthaltsraum der Brunnenmeister, oder? Nein, in der Brunnenstube wird weder gejasst noch gekäfelet. Es ist ein Schacht, in den das Quellwasser gepumpt, oder gefasst wird, wie wir sagen. Die Brunnenstube ist übrigens oft ebenfalls aus Beton gebaut.

Ist Wasser ein knappes Gut? Knapp wird es dank unserer Anlagen nicht. Trotzdem leben wir hier sehr privilegiert. Wo sonst dreht man den Hahn auf und erhält jederzeit allerbestes Trinkwasser? Für mich ist Trinkwasser das wichtigste Lebensmittel überhaupt. Ähnlich wie Salz ist es für viele Menschen selbstverständlich geworden. Damit das so bleibt, arbeiten wir jeden Tag daran. 

Betreiben Sie Wassersport bzw. sind Sie eine Wasserratte? Und wie! Schwimmen, Wakeboarden, Surfen und Tauchen. Je mehr Wasser, desto besser! 

Tauchen Sie auch ins Reservoir, wenn das nötig wäre? Nein, ins Reservoir geht man nur in Schutzkleidung. Und falls Arbeiten nötig sind, wird das Wasser vorher abgelassen. Es gibt aber Spezialtaucher, die unter anderem in die grossen Grundwasserschächte tauchen, um Inspektionen vorzunehmen. Ich ziehe Tauchgänge im Meer vor.

Wer hat das beste Trinkwasser im Land? Gibt es überhaupt nennenswerte Unterschiede? Das ist natürlich bei uns ein grosses Thema und es gibt entsprechend viele Meinungen darüber. Ich schwöre natürlich auf unser Rüschliker Trinkwasser. Bei den Wassern, die man in der Gastronomie bekommt, mag ich Eptinger fast am liebsten. Die mineralische Note gefällt mir sehr.

Pflegen Sie Kontakte zum Ausland? Gibt es internationale Brunnenmeistertreffen? Das nicht. Aber wir treffen uns einmal pro Monat im lokalen Verbund am linken Zürichsee. Und es gibt den Brunnenmeisterverband, der sich regelmässig austauscht. 

Würde Sie ein internationales Hilfsprojekt rund ums Thema Brunnenbau reizen, z. B. in der Sahelzone? Das wäre natürlich toll! Ein halbes Jahr oder so mein Wissen über Wasser, Hygiene und Brunnenbau weiterzugeben. Aber meine Frau und mein Chef wären davon wohl weniger begeistert.

Wie wohnen Sie? Holz oder Beton? Beides. Beton im Einklang mit Holz! Vergleichbar mit unserem Reservoir, wo Beton und Wasser ein perfektes Team bilden.

Herr Crameri, besten Dank für das Gespräch!

Ein paar Zahlen der neuen Anlage in Rüschlikon:

  • Abbruch Beton/Stahlbeton: 750 m3
  • Aushub/Abtrag: 8’360 m3
  • Beton-/Stahlbetonarbeiten: 2'400 m3
  • Schalungsarbeiten: 8’000 m2
  • Richtlinien: Umsetzung nach SVGW W6, höchste Standards für Hygiene, Betrieb und Unterhalt
  • Einhaltung geltender SIA-Normen: SIA 118/262, SIA 272, SIA 190
  • Betonqualität: Spezieller Trinkwasserbeton
  • Oberflächenbehandlung: Schalung mit spezieller Folie bespannt (Zemdrain)

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