Gab es Einwände oder Kritik zu bestimmten eingesetzten Baustoffen?
Ein zentrales Thema war die Menge des eingesetzten Betons. Unterschiedliche Anforderungen trafen hier aufeinander: Erdbebensicherheit, Statik, Schall- und Brandschutz erfordern zunehmend mehr Beton, während die Nachhaltigkeit möglichst geringe Mengen fordert. Diese teils widersprüchlichen Ansprüche führten zu intensiven fachlichen Diskussionen, besonders in den Bereichen Statik, Schallschutz und Nachhaltigkeit. Abgesehen davon blieb die Kritik gering, denn die Anforderungen des Effizienzpfades waren von Anfang an klar definiert. Da wir konsequent auf deren Einhaltung gesetzt haben, waren alle Beteiligten im Projektverlauf durchwegs zufrieden.
Es kam eine neue Betonrezeptur zum Einsatz. Welche Ziele wurden damit verfolgt?
Das Projekt hat ambitionierte CO₂-Höchstwerte für den Beton festgelegt: Das globale Erwärmungspotenzial (GWP) soll ≤ 133,6 kgCO2eq./m3 betragen - Produktion (Module A1-A3) und Entsorgung (Module C1-C4) berücksichtigt. Technisch mussten die Betone die Eigenschaften der Sorten B und C gemäss SN EN 206 erfüllen, eine ausreichend robuste Verarbeitbarkeit gewährleisten, um den ganzjährigen Witterungsbedingungen zu widerstehen, und gleichzeitig traditionelle Ausschalzeiten zu ermöglichen.
Wie viel CO₂ kann mit dieser Rezeptur konkret eingespart werden?
Es wurden zwei Betonsorten entwickelt. Sorte B hat einen GWP von 106,9 kg CO2eq./m3, während Sorte C einen GWP von 113,9 kg CO2eq./m3 aufweist. Damit wurde das Projektziel übertroffen und für die 5'500 m3 des Projekts konnten, im Vergleich zu einem Standardbeton im Hochbau (CEMII/B), Emissionsvermeidung von 479 Tonnen CO2eq. erzielt werden. Dies entspricht einer Reduktion um 43 %.
Im Gesamtprojekt sinkt somit gemäss den Berechnungen von unserem Nachhaltigkeits- und Energieplaner der Anteil des Betons an den Treibhausgasemissionen des Gesamtprojektes von 49 % auf 38 %. Die eingesparte CO₂-Menge entspricht etwa dem jährlichen Ausstoss von 40 Haushalten oder der Emission, die durch 80 Weltumrundungen mit dem Auto verursacht wird.
Welche Herausforderungen gab es in der Planung und Verarbeitung dieses Betons?
Innerhalb von nur sechs Monaten wurden marktreife Betonsorten (DEKAR®-Beton) entwickelt, die alle technischen, ökologischen und ökonomischen Anforderungen erfüllen. Dies war nur durch ein intensives Engagement und eine enge Zusammenarbeit möglich.
War Recyclingbeton auch ein Thema?
Zu Projektbeginn wurde der Einsatz von Recyclingbeton – sowohl mit als auch ohne CO₂-Speicherung im Betongranulat – geprüft. Recyclingbeton trägt zwar wesentlich zur Schonung von Ressourcen und zur Entlastung von Deponien bei, hat jedoch nur eine untergeordnete Bedeutung für die Ökobilanz im Hinblick auf das globale Erwärmungspotenzial (GWP). Deshalb wurde aus Priorisierungsgründen entschieden, diese Variante im vorliegenden Projekt nicht zu bevorzugen. In anderen Projekten kann die Entscheidung jedoch anders ausfallen.
Was waren die grössten Herausforderungen in der Planungs- und Realisierungsphase?
Leider ist es nach wie vor so, dass die meisten ressourcenschonenden Baustoffe teurer sind als die bisher verbauten, üblichen Produkte. Diese Mehrkosten waren und sind im Projekt eine Herausforderung. Zudem steckt man bei vielen Innovationen noch in den Kinderschuhen, Normen und Anforderungen verhindern den Einsatz von innovativen Lösungen oder zwingen den Bauherrn dazu, Garantierisiken einzugehen. Zudem beissen sich an vielen Orten die verschiedenen Anforderungen an Qualität, Langlebigkeit, Sicherheit und Nachhaltigkeit.
Welche Erkenntnisse aus diesem Projekt werden Sie bei künftigen Vorhaben übernehmen?
Für uns als Bauunternehmen war die wichtigste Erkenntnis sicherlich in Bezug auf den Einsatz von ressourcenschonendem Zement. Dieser bietet einige Vorteile im Vergleich zum sonst oft im Rahmen von Nachhaltigkeitsansprüchen gefordertem CEMII/B und kann flexibler eingesetzt werden.
Zudem realisieren wir aktuell ganz in der Nähe ein Projekt, welches Minergie-P-Eco zertifiziert wird. Diese Zertifizierung stand beim Projekt «Werkstädtli» auch zur Diskussion. Wir gingen davon aus, dass der Effizienzpfad 2040 flexibler ist und wählten daher diese Variante. Im Rückblick stellt sich die Frage, ob die Wahl des Effizienzpfads gegenüber einer Minergie-P-Eco-Zertifizierung tatsächlich die bessere Entscheidung war. Bei einem künftigen Projekt würden wir diesen Entscheid wohl nochmals vertieft prüfen.
Was bedeutet das Projekt «Werkstädtli» für die zukünftige Entwicklung von Sursee?
Ich denke dieser Ort inmitten der Stadt Sursee erlebt mit dem Projekt eine Aufwertung, von welcher nicht nur die zukünftigen Bewohner des Areals, sondern auch die Menschen, welche in den umliegenden Häusern wohnen und arbeiten profitieren. Das Projekt zeigt, dass bestehende Industrieareale ressourcenschonend und nachhaltig aufgewertet werden können und so den Lebensraum für Mensch und Tier verbessert.
Welche Vision verfolgt Estermann Immobilien im Bereich des nachhaltigen Bauens?
All unsere eigenen Projekte werden zertifiziert und an Nachhaltigkeitsstandards geknüpft. Dies soll auch weiterhin so sein. Uns ist es wichtig, als Baugruppe die Nachhaltigkeit unserer Unternehmen unter Beweis zu stellen und auch neue Produkte, wie den genannten Zement oder Pflanzenkohle zu testen. Unsere Eigenprojekte dienen dabei als ideale Referenzobjekte, die dabei gesammelten Erfahrungen fliessen direkt in künftige Entwicklungen ein und können gezielt an externe Bauherrschaften weitergeben werden.
BETONSUISSE sprach mit Samuel Stocker, Geschäftsführer der Estermann Immobilien AG, über die Rolle des Betons, die Anforderungen an einen Neubau – und warum Nachhaltigkeit im Massivbau mehr ist als ein Versprechen. Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.