Interview, Umnutzung
8 Min.

Ein vergessener Ort erhält neues Leben

Ein verlassenes Betonbecken wird zum lebendigen Spielraum. In Aproz nutzt das Team von En-dehors, was längst da ist, statt neu zu bauen. Mit gezielten Eingriffen entstehen aus dem Bestand neue Orte für Bewegung und Begegnung. Das spart Material, Zeit und Ressourcen. Der Beton bleibt und bekommt eine neue Rolle. Aus Wänden werden Wege, aus Flächen werden Spielorte. Kinder erkunden, entdecken und gestalten mit. Das Projekt zeigt, wie viel Potenzial im Weiterdenken steckt.

 

Ein vergessener Ort erhält neues Leben

Vom Klärbecken zum Kinderparadies – Die Umnutzung eines Betonbeckens in Aproz

In Aproz (VS) verwandelten Landschaftsarchitekten ein stillgelegtes Klärbecken in einen innovativen Spielplatz. Durch kreative Wiederverwendung von Materialien und partizipative Planung entstand ein einzigartiger öffentlicher Raum, der ökologische und soziale Bedürfnisse vereint.

Ab den 1960er-Jahren entstanden in der ganzen Schweiz immer mehr Kläranlagen. Jahrzehnte später wurden mit dem technischen Fortschritt und der Zentralisierung der Abwasserreinigung viele dieser Anlagen stillgelegt, so auch in Aproz im Wallis. Die Ortschaft liegt am linken Rhone-Ufer und gehört zur Gemeinde Nendaz südwestlich der Kantonshauptstadt Sion. In Aproz stand seit Jahrzehnten ein stillgelegtes Klärbecken, bis es das Landschaftsarchitekturbüro En-dehors – gegründet 2022 von Arnaud Michelet und Romain Legros – neu interpretierte. Statt eines Abbruchs entstand ein Kinderspielplatz, der durch die kreative Wiederverwendung bestehender Strukturen und Materialien besticht.

Landmangel als Mutter der Innovation

Die Idee zur Umnutzung des Klärbeckens entstand aus einer raumplanerischen Notlage: Die Gemeinde Aproz benötigte dringend öffentlichen Raum für die wachsende Bevölkerung, doch die verfügbaren Flächen waren knapp. Ursprünglich sollte eine benachbarte Wiese als Spielplatz dienen, doch die Gemeinde entschied sich, diese für eine Schulerweiterung zu reservieren. En-dehors schlug stattdessen vor, das vor Jahrzehnten stillgelegte Klärbecken umzunutzen – eine Lösung, die nicht nur Platz sparte, sondern auch ökologisch und ökonomisch sinnvoll war.

Die beiden Landschaftsarchitekten erkannten bei einem Augenschein das Potenzial des Beckens als geschützten, halb-öffentlichen Raum. Die Entscheidung, dieses zu erhalten, war auch eine Reaktion auf die Ressourcenverschwendung, die ein Abbruch bedeutet hätte. Stattdessen sollte der Ort durch minimale Eingriffe und die Wiederverwendung von Materialien umgenutzt werden.

Galerie - Kinderparadies
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Galerie - Kinderparadies
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Galerie - Kinderparadies
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Das ehemalige Klärbecken wurde zu einem vielseitigen, farbenfrohen Wasserspielraum umgestaltet, der Kinder sofort in seinen Bann zieht. Bunte Flächen, sprudelnde Wasserfontänen und schräge Wände laden dazu ein, zu klettern, zu rennen und Neues auszuprobieren. Überall gibt es etwas zu entdecken und jeder Schritt eröffnet ein neues Spiel (Fotos: Baptiste Coulon).

Spielraum im Beton

Der erste Schritt bestand in einer detaillierten Bauwerksanalyse. En-dehors untersuchte die Betonstruktur auf ihre Tragfähigkeit, Sicherheit und mögliche Altlasten. Da keine Kontaminationen festgestellt wurden, konnte die Planung konkretisiert werden. Ein zentraler Eingriff war das Aufschneiden der südlichen Beckenwand, um dieses nach aussen zu öffnen. Die herausgeschnittenen Betonteile wurden zum Teil an Ort und Stelle wiederverwendet, etwa als Treppenstufen, Sitzbänke oder Geländer.

Das Konzept des Spielplatzes basiert auf der Interaktion mit Wasser, einer bewussten Anspielung auf die ursprüngliche Nutzung des Beckens. Kinder können hier Wasser pumpen, die Kanäle aufstauen oder über rote Druckknöpfe Fontänen aktivieren. Die schrägen Betonwände laden zum Klettern ein, während eingefräste Wasserrinnen das natürliche Gefälle des Bodens nutzen. Die Gestaltung verzichtet bewusst auf standardisierte Spielgeräte und setzt stattdessen auf experimentelle Elemente, die Neugier und Kreativität fördern.

Einleitung Projekt Betonbecken
Galerie - Infrastruktur und Entwicklung
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Wie Phönix aus der Asche. Die einzelnen Farben kennzeichnen die Eingriffe in der Betonstruktur und binden diese nun als Erinnerung an das alte Becken in ein spielerisches Universum ein. (Fotos: Baptiste Coulon)

Farbe als gestalterisches Mittel
Die bunte Bemalung des Beckens war zunächst nicht vorgesehen, wurde aber auf Wunsch der Gemeinde umgesetzt. Die Farben – Blau, Gelb, Rot – markieren Sicherheitsbereiche, schützen vor Korrosion und verleihen dem Ort eine verspielte Identität. Sie betonen die bei der Umnutzung vorgenommenen Eingriffe in die Betonstruktur und schaffen eine visuelle Verbindung zwischen Alt und Neu.

Kreislaufwirtschaft im Kleinen
Ein zentrales Anliegen des Projekts war die Ressourcenschonung. Fast das gesamte entfernte Material blieb am Ort:

  • Betonausschnitte wurden zu Sitzgelegenheiten oder Stufen umfunktioniert.
  • Aus der Bodenplatte gefräste Bohrkerne dienten als Sitzmöglichkeiten.
  • Metallteile der alten Anlage fanden als Klettergriffe oder Halterungen Verwendung.

Die Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern erlaubte flexible Lösungen: So wurden ursprünglich rechteckig geplante Pflanzlöcher durch kreisförmige Bohrungen ersetzt, da diese einfacher zu realisieren waren. Die entstandenen Öffnungen bieten nun Platz für Zitterpappeln, die in wenigen Jahren Schatten spenden werden.

Herausforderungen und Kompromisse
Nicht alle Ideen liessen sich umsetzen. So musste der Plan, eine der schrägen Betonwände in eine Kletterwand zu verwandeln, aus Sicherheitsgründen verworfen werden: Der Fuss der Wand hätte mit einem teuren, sturzabsorbierenden Bodenbelag versehen werden müssen. Stattdessen entstanden lokal begrenzte Kletterelemente aus Naturstein.

Auch die Zertifizierung als Spielplatz gestaltete sich schwierig, da die Gestaltung bewusst von den üblichen Spielplatznormen abwich. Durch den Einsatz farbiger, stossdämpfender Böden und die Markierung von Sicherheitsbereichen gelang es jedoch, die Vorgaben zu erfüllen, ohne den experimentellen Charakter des Ortes zu verlieren.

Resultat: Ein Ort der Begegnung
Heute ist das ehemalige Klärbecken ein beliebter Spiel- und Begegnungsort. Kinder nutzen die Wasserspiele, klettern auf den Betonwänden oder rutschen über die integrierte Rutschbahn. Die offene Gestaltung lädt zur freien Aneignung ein: Es gibt keine vorgegebenen Spielregeln, sondern Raum für Fantasie.

Die Haltung zum Projekt in der Gemeinde war zunächst skeptisch, doch die bunte Gestaltung und die sichtbare Freude der Kinder überzeugten schnell. Selbst kleine Beschädigungen oder Graffiti werden nicht als Vandalismus, sondern als Zeichen der Nutzung wahrgenommen – ein Beleg dafür, dass der Ort angenommen wurde.

Ein Modell für die Zukunft?
Das Projekt in Aproz zeigt, wie stillgelegte Infrastrukturen durch kreative Planung und partizipative Prozesse neues Leben erhalten können. En-dehors gelang es, ökologische, ökonomische und soziale Aspekte ohne aufwendige Neubauten oder Materialtransporte zu vereinen. Die Umnutzung des Klärbeckens ist damit nicht nur ein lokaler Erfolg, sondern auch ein Impuls für ähnliche Projekte.

Dass solche Ideen nicht von heute auf morgen entstehen, ist ebenfalls eine Lehre, die aus diesem Projekt gezogen werden konnte: 30 Jahre stand das Becken leer, bis es eine sinnvolle Neunutzung erhielt.

Haupttext Projekt

Projektdaten

Ort: Impasse Bord' Eaux 6, 1994 Aproz (VS)

Bauherrschaft: Gemeinden Nendaz und Sion

Landschaftsarchitektur: En-dehors (Romain Legros, Arnaud Michelet), www.en-dehors.ch

Baukosten: 300'000 Franken

Fertigstellung: 2023

Haupttext Projekt
Arnaud Michelet und Romain Legros führen seit 2022 das Büro En-dehors. Die Büros in Lausanne und Sion befassen sich mit der Gestaltung von Objekten und öffentlichen Räumen in verschiedenen Massstäben wie auch mit Szenografie.
Arnaud Michelet und Romain Legros führen seit 2022 das Büro En-dehors. Die Büros in Lausanne und Sion befassen sich mit der Gestaltung von Objekten und öffentlichen Räumen in verschiedenen Massstäben wie auch mit Szenografie.

BETONSUISSE hat Arnaud Michelet und Romain Legros von En-dehors zu ihrem inspirierenden Projekt befragt:

Was inspirierte Sie zur Umnutzung des Klärbeckens von Aproz zu einem Spielplatz?
Romain Legros: Es war die Infrastruktur selbst, die sehr inspirierend war und uns bei den Entscheidungen und dem Projekt leitete. Wir haben die Infrastruktur maximal genutzt, um die Projektvorgaben zu integrieren.

Wie wurden Sie auf das Projekt aufmerksam? Gab es einen Projektwettbewerb?
Arnaud Michelet: Es handelte sich um einen direkten Auftrag des Bauherrn für einen Spielplatz auf dem Areal neben dem stillgelegten Klärbecken. Wir schlugen jedoch vor, das Areal zu schonen und den Spielplatz innerhalb des alten Klärbeckens einzurichten. Dies überzeugte den Bauherrn sofort, da dies eine Einsparung an Fläche, an Mitteln und an Material bewirkte. Solche Diskussionen wären im Rahmen eines Wettbewerbs nicht möglich gewesen.

Wie wurden Sie auf das Projekt aufmerksam? Gab es einen Projektwettbewerb?
Romain Legros: Es handelte sich um einen direkten Auftrag des Bauherrn für einen Spielplatz auf dem Areal neben dem stillgelegten Klärbecken. Wir schlugen jedoch vor, das Areal zu schonen und den Spielplatz innerhalb des alten Klärbeckens einzurichten. Dies überzeugte den Bauherrn sofort, da dies eine Einsparung an Fläche, an Mitteln und an Material bewirkte. Solche Diskussionen wären im Rahmen eines Wettbewerbs nicht möglich gewesen.

Was waren die Herausforderungen im Umgang mit dem Baustoff Beton?
Arnaud Michelet: Die Herausforderungen lagen hauptsächlich in der Strategie des Zuschneidens: in welcher Reihenfolge sollten die Elemente entnommen, in welcher Grösse sollten sie geschnitten werden, welche Werkzeuge sollten zu Anwendung kommen, zum Beispiel Säge, Draht, Bohrkrone.

Was hat dieses Projekt mit nachhaltiger Bauweise zu tun?
Romain Legros: Das Projekt ist in Bezug auf den Materialeinsatz sehr effizient. Hätte ein vollständiger Spielplatz neu gebaut werden müssen, wäre der Materialverbrauch deutlich höher gewesen. Das Projekt ist auch sehr flächensparend. Anstatt unbebautes Gelände für den Spielplatz zu nutzen oder das alte Klärbecken abzureissen, um einen Spielplatz zu errichten, haben wir weder Boden verbraucht noch ein Bauwerk zerstört.

Welche Kompromisse mussten Sie bei der Realisierung dieses Vorhabens eingehen?
Arnaud Michelet: Wir konnten nicht 100 Prozent der geschnittenen Betonelemente wiederverwenden. Wir haben vorgeschlagen, einige Elemente im Aussenbereich zu platzieren, doch der Bauherr war der Ansicht, dass es bereits genug Beton gab. Ein weiterer Kompromiss betrifft die Farben. Diese waren ursprünglich nicht vorgesehen. Der Bauherr bat uns jedoch, Farbe hinzuzufügen, da ein völlig roher und grauer Spielplatz nicht in Frage kam. Letztendlich war dies jedoch eine gute Entscheidung. Die Farbe wurde verwendet, um spezifische Bereiche zu markieren wie Ausfräsungen, Abdichtungen oder visuelle Orientierungspunkte.

Lassen sich Ihre Erfahrungen mit diesem Projekt auch auf andere Umnutzungen von industriellen Infrastrukturen übertragen?
Romain Legros: Ja, natürlich. Die Strukturen sind vielfältig und ebenso zahlreich sind die Programme, die darin Platz finden können. Jeder Standort und jede Infrastruktur ist einzigartig, aber man kann ähnliche Prinzipien auch anderswo wiederfinden.

Wie ist die Idee eines Bastelbogens des Spielplatzes entstanden?
Arnaud Michelet: Die Idee entstand bei der Suche nach einer Möglichkeit, die spielerische Dimension des Spielplatzes für die Dokumentation des Projekts zu erweitern. Die Form des Gebäudes und die Tatsache, dass Teile des Bauwerks geschnitten und zusammengefügt wurden, eigneten sich besonders gut für einen Bastelbogen. Dies erlaubt, auch bei der Vermittlung des Projekts spielerisch vorzugehen.

Der Eingang zum Kinderparadies (Foto: Baptiste Coulon)
Der Eingang zum Kinderparadies (Foto: Baptiste Coulon)

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