Sie arbeiten im Bereich «Kunstbauten», also Infrastrukturbauwerken wie Brücken, Stützmauern, Galerien usw. In diesem Bereich ist Beton ein zentrales Baumaterial, steht jedoch aufgrund seiner Klimabilanz zunehmend in der Kritik. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?
Beton ist ein Hochleistungsmaterial mit hoher Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit, Eigenschaften, die im Infrastrukturbau zentral sind. Gleichzeitig ist die Klimabelastung real und muss ernst genommen werden. Entscheidend ist daher ein differenzierter Umgang: Nicht jedes Projekt erfordert zwingend Beton, doch es gibt Anwendungen, in denen er technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. Im Brückenbau spielen beispielsweise Spannweite, Nutzung, Dauerhaftigkeit und die Einbindung ins Landschaftsbild eine wesentliche Rolle und beeinflussen die Materialwahl.
Als Ingenieurin sehe ich die Aufgabe darin, das geeignete Material bewusst zu wählen, materialeffizient zu konstruieren und die Lebensdauer mitzuberücksichtigen. Nachhaltigkeit bedeutet nicht Verzicht um jeden Preis, sondern verantwortungsvolle Entscheidungen auf Basis der Projektanforderungen.
Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders in Erinnerung bleibt?
Zu Beginn meiner Praxiserfahrung durfte ich eine rund 180 Meter lange Stützmauer vom Entwurf bis zur Fertigstellung begleiten. Auch wenn später grössere Projekte folgten, war es gerade dieses erste, das mir vor Augen führte, was es heisst, Bauingenieurin zu sein. Es ging um weit mehr als statische Berechnungen: Nachbarn einzubeziehen, Kanton, Gemeinde, Werke, Unternehmungen und weitere Beteiligte zu koordinieren, Pläne zu erstellen, mit Lernenden zusammenzuarbeiten, den Baufortschritt zu dokumentieren und finanziell den Überblick zu behalten. Wenn ich heute an dieser Stützmauer vorbeifahre, kenne ich ihre Entstehungsgeschichte und bin begeistert, sie meiner Familie oder meinen Freundinnen und Freunden zu erzählen.
Wie erleben Sie Ihre Rolle als junge Frau im Berufsumfeld?
Es gibt sowohl positive als auch herausfordernde Erfahrungen in diesem Kontext. Manchmal hat man das Gefühl, sich zuerst beweisen zu müssen oder dass einem häufiger ins Wort gefallen wird, insbesondere in neuen Projekten oder zu Beginn auf der Baustelle. Dabei handelt es sich meist nicht um bewusste Vorurteile, sondern um tief verankerte gesellschaftliche Rollenbilder. Umso wichtiger ist es für mich, professionell aufzutreten, klar zu kommunizieren, Grenzen zu setzen und Anliegen oder schwierige Situationen auch gegenüber Vorgesetzten offen anzusprechen. Gleichzeitig erlebe ich viel Unterstützung und Wertschätzung, was zeigt, dass sich die Branche positiv weiterentwickelt.
Ein zentrales Anliegen ist für mich die Sichtbarkeit von Frauen und weiblichen Vorbildern in der Baubranche. In diesem Zusammenhang habe ich den Bauingenieurinnen-Stammtisch in Bern bei suisse.ing mitinitiiert, der den büroübergreifenden Austausch ermöglicht und zur stärkeren Vernetzung sowie Sichtbarkeit von Frauen beiträgt.
Warum war Ihnen das wichtig?
Der Stammtisch sollte eine Plattform schaffen, auf der Bauingenieurinnen ihre Erfahrungen teilen können. Im Zentrum stehen dabei konkrete Themen wie Lohnentwicklung, Weiterbildungen, Überlastung, Sexismus oder der Umgang mit anspruchsvollen Situationen im Projektalltag. Es ist bereichernd zu sehen, wie andere Bauingenieurinnen ihren Berufsalltag gestalten, welche Strategien sie entwickeln und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Dieser offene Austausch ermöglicht gegenseitiges Lernen, schafft Transparenz und stärkt das Netzwerk über das eigene Büro hinaus.