Beton-People, Interview
4 Min.

«Jedes Bauwerk erzählt eine Geschichte» – Im Gespräch mit Ines Dällenbach

Der 4. März markiert weltweit den World Engineering Day for Sustainable Development der UNESCO. In der Schweiz wird dieser Tag als Engineers’ Day gefeiert. Ziel ist es, die Leistungen von Ingenieurinnen und Ingenieuren für die Gesellschaft sichtbar zu machen und junge Talente für technische Berufe zu begeistern. Wir haben mit der Bauingenieurin Ines Dällenbach gesprochen. Sie erzählt von ihrem Weg, ihrer Motivation und ihrer Verantwortung für Bauwerke, die Generationen überdauern.

Wir haben mit ihr über die unsichtbare Arbeit hinter grossen Bauwerken, den «Detektivgeist» bei Instandsetzungen und die Herausforderungen als Frau in einer Männerwelt gesprochen und warum Beton für sie mehr ist als nur ein grauer Baustoff.

Bild rechts: Stützmauer aus einem der ersten begleiteten Projekte, nach Abschluss der Betonierarbeiten zwischen Stützmauer und Nagelwand.

«Jedes Bauwerk erzählt eine Geschichte» – Im Gespräch mit Ines Dällenbach
Ines Dällenbach, MSc HSLU im Bauingenieurwesen
Ines Dällenbach, MSc HSLU im Bauingenieurwesen

Im Gespräch mit Ines Dällenbach

Wir haben mit der Bauingenieurin Ines Dällenbach gesprochen. Kürzlich hat sie ihren Master an der Hochschule Luzern abgeschlossen. Von 2019 bis 2026 arbeitete sie im Planungsbüro Emch+Berger AG Bern. Was sie heute macht, erfahren Sie hier.

Sie sind Bauingenieurin aus Leidenschaft. Was fasziniert Sie so sehr an diesem Beruf? 
Mich fasziniert besonders, dass jedes Bauwerk eine eigene Geschichte erzählt. In meinem Beruf darf ich Teil dieser Geschichte sein, sie neu schreiben oder aktiv mitgestalten. Bauwerke überdauern uns in den meisten Fällen, wodurch etwas Bleibendes entsteht, das weit über unsere eigene Zeit hinausreicht.
Ein weiterer zentraler Aspekt meiner Tätigkeit ist die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Fachbereichen. Im Austausch mit Bauherrschaften, Unternehmungen, Fachpersonen, Behörden, Anwohnenden und weiteren Beteiligten zeigt sich, dass neben fachlicher Kompetenz auch die menschliche Komponente entscheidend ist: Empathie, Kommunikationsstärke und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen.

Gerade diese Vielseitigkeit macht den Beruf für mich besonders interessant.

Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, diesen Weg einzuschlagen?
In der 7. Klasse empfahl uns unser Lehrer, dass Schülerinnen und Schüler ohne Schnupperstelle eine solche im Bereich Bauingenieurwesen absolvieren sollten, da dort ein grosser Fachkräftemangel herrsche. So erhielt ich die Möglichkeit, bei einer Bauingenieurin zu schnuppern, die am Feusi Gebäude mitgewirkt hatte. Als sie vor dem Gebäude stand und sagte: «Das ist von mir», hat mich dieser Moment beeindruckt. Danach richtete ich meinen Weg konsequent auf ein Ziel aus: Bauingenieurin zu werden.

Das Berufsbild von Bauingenieurinnen und Bauingenieuren ist breit gefächert. Wie erklären Sie einer Person Ihr Berufsbild?
In meinem Berufsalltag geht es um die Planung und Realisierung von Bauwerken und Infrastrukturen. Dabei wird gewährleistet, dass diese normenkonform, sicher, langlebig, ressourceneffizient und innerhalb der finanziellen Rahmenbedingungen umgesetzt werden. Wichtig ist mir zu betonen, dass das Bauingenieurwesen zahlreiche Fachrichtungen umfasst. Dazu können beispielsweise Gebäude, Brücken, Verkehrswege, der Bahnbau, Hochwasserschutzanlagen und viele weitere Infrastrukturbauten zählen. Entsprechend steht hinter jeder Strasse, jeder Leitung und jedem Bauwerk, ja nahezu hinter allem, was wir in einer vom Menschen gestalteten Umwelt wahrnehmen, auch die Arbeit von Bauingenieurinnen und Bauingenieuren.

Das Bild zeigt Ines Dällenbach bei ihrer Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Luzern.
Das Bild zeigt Ines Dällenbach bei ihrer Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Luzern.

Sie arbeiten im Bereich «Kunstbauten», also Infrastrukturbauwerken wie Brücken, Stützmauern, Galerien usw. In diesem Bereich ist Beton ein zentrales Baumaterial, steht jedoch aufgrund seiner Klimabilanz zunehmend in der Kritik. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?
Beton ist ein Hochleistungsmaterial mit hoher Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit, Eigenschaften, die im Infrastrukturbau zentral sind. Gleichzeitig ist die Klimabelastung real und muss ernst genommen werden. Entscheidend ist daher ein differenzierter Umgang: Nicht jedes Projekt erfordert zwingend Beton, doch es gibt Anwendungen, in denen er technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. Im Brückenbau spielen beispielsweise Spannweite, Nutzung, Dauerhaftigkeit und die Einbindung ins Landschaftsbild eine wesentliche Rolle und beeinflussen die Materialwahl.

Als Ingenieurin sehe ich die Aufgabe darin, das geeignete Material bewusst zu wählen, materialeffizient zu konstruieren und die Lebensdauer mitzuberücksichtigen. Nachhaltigkeit bedeutet nicht Verzicht um jeden Preis, sondern verantwortungsvolle Entscheidungen auf Basis der Projektanforderungen.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders in Erinnerung bleibt?
Zu Beginn meiner Praxiserfahrung durfte ich eine rund 180 Meter lange Stützmauer vom Entwurf bis zur Fertigstellung begleiten. Auch wenn später grössere Projekte folgten, war es gerade dieses erste, das mir vor Augen führte, was es heisst, Bauingenieurin zu sein. Es ging um weit mehr als statische Berechnungen: Nachbarn einzubeziehen, Kanton, Gemeinde, Werke, Unternehmungen und weitere Beteiligte zu koordinieren, Pläne zu erstellen, mit Lernenden zusammenzuarbeiten, den Baufortschritt zu dokumentieren und finanziell den Überblick zu behalten. Wenn ich heute an dieser Stützmauer vorbeifahre, kenne ich ihre Entstehungsgeschichte und bin begeistert, sie meiner Familie oder meinen Freundinnen und Freunden zu erzählen.

Wie erleben Sie Ihre Rolle als junge Frau im Berufsumfeld?
Es gibt sowohl positive als auch herausfordernde Erfahrungen in diesem Kontext. Manchmal hat man das Gefühl, sich zuerst beweisen zu müssen oder dass einem häufiger ins Wort gefallen wird, insbesondere in neuen Projekten oder zu Beginn auf der Baustelle. Dabei handelt es sich meist nicht um bewusste Vorurteile, sondern um tief verankerte gesellschaftliche Rollenbilder.  Umso wichtiger ist es für mich, professionell aufzutreten, klar zu kommunizieren, Grenzen zu setzen und Anliegen oder schwierige Situationen auch gegenüber Vorgesetzten offen anzusprechen. Gleichzeitig erlebe ich viel Unterstützung und Wertschätzung, was zeigt, dass sich die Branche positiv weiterentwickelt.
Ein zentrales Anliegen ist für mich die Sichtbarkeit von Frauen und weiblichen Vorbildern in der Baubranche. In diesem Zusammenhang habe ich den Bauingenieurinnen-Stammtisch in Bern bei suisse.ing mitinitiiert, der den büroübergreifenden Austausch ermöglicht und zur stärkeren Vernetzung sowie Sichtbarkeit von Frauen beiträgt.

Warum war Ihnen das wichtig?
Der Stammtisch sollte eine Plattform schaffen, auf der Bauingenieurinnen ihre Erfahrungen teilen können. Im Zentrum stehen dabei konkrete Themen wie Lohnentwicklung, Weiterbildungen, Überlastung, Sexismus oder der Umgang mit anspruchsvollen Situationen im Projektalltag. Es ist bereichernd zu sehen, wie andere Bauingenieurinnen ihren Berufsalltag gestalten, welche Strategien sie entwickeln und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Dieser offene Austausch ermöglicht gegenseitiges Lernen, schafft Transparenz und stärkt das Netzwerk über das eigene Büro hinaus.

Einsatz auf der Baustelle zwischen Kiesen und Thun während der Ausführung der Betonarbeiten.
Einsatz auf der Baustelle zwischen Kiesen und Thun während der Ausführung der Betonarbeiten.

Was geben Sie jungen Absolventinnen mit auf den Weg? 
Wenn ihr noch unsicher seid, welche Fachrichtung zu euch passt, nutzt die Gelegenheit, verschiedene Bereiche und Büros kennenzulernen. Das Team und die Qualität der Betreuung sind wichtige Faktoren für eure fachliche und persönliche Entwicklung und es ist absolut berechtigt, gute Rahmenbedingungen einzufordern. Umgebt euch mit Menschen, die euch fördern, wertschätzen und an euer Potenzial glauben. Folgt Projekten, die euch Freude bereiten und eure Neugier wecken. Mit jeder Erfahrung gewinnt ihr an Selbstvertrauen.

Architekt/innen denken oft in Räumen und Ästhetik, Ingenieur/innen in Kräften und Machbarkeit. Wie moderieren Sie diesen Dialog?
Bisher hatte ich im Bereich Kunstbauten weniger Berührungspunkte mit Architektinnen und Architekten als dies im Hochbau üblich ist, wo man in der Regel über sämtliche Projektphasen hinweg eng zusammenarbeitet. Die Unterschiede erlebe ich jedoch weniger als Gegensatz zwischen Ästhetik und Technik, sondern vielmehr als unterschiedliche Schwerpunktsetzungen innerhalb eines gemeinsamen Ziels: ein funktionierendes, dauerhaftes und qualitätsvolles Bauwerk. Aus meiner Sicht entstehen gute Projekte gerade durch diese verschiedenen Perspektiven. Idealerweise denken Bauingenieurinnen und Bauingenieure auch gestalterisch mit, während sich Architektinnen und Architekten ebenso für konstruktive Zusammenhänge interessieren.

Können Sie uns ein Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit nennen?
Bei einem Projekt in Münchenstein mussten zwei Bahnbrücken ersetzt werden. Mit dem Einbezug des Unternehmers ergaben sich neue, effiziente und wirtschaftliche Lösungsansätze. Auch die Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten habe ich als sehr bereichernd empfunden. Im Dialog wurde das Projekt weiter geschärft und optimiert, wobei die lokale Vegetation und die Bedürfnisse der Menschen im Zentrum standen.

Sie treten eine berufliche Tätigkeit in Spanien an. Was motiviert Sie zu diesem Schritt?
Nach dem Master habe ich mich gefragt, wie ich meinen weiteren Weg gestalten möchte, und mich bewusst für Auslandserfahrung entschieden. Ein persönlicher Bezug zu Spanien besteht durch meine spanische Grossmutter.

Gleichzeitig interessiert mich, wie die Baubranche ausserhalb der Schweiz funktioniert. Bisher habe ich ausschliesslich an Schweizer Projekten gearbeitet, die durch hohe Qualitätsstandards und klar definierte Prozesse geprägt sind. Mich reizt es zu verstehen, wie Brücken in Spanien geplant und umgesetzt werden, wie die Projektbeteiligten dort zusammenarbeiten und ob sie mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind wie wir, etwa Fachkräftemangel oder Zeitdruck.

Für mindestens ein Jahr werde ich deshalb in einem spanischen Brückenbaubüro arbeiten, um die dortigen Planungs- und Bauprozesse kennenzulernen. Diese Erfahrung ermöglicht es mir zugleich, die Schweizer Praxis aus einer erweiterten Perspektive zu betrachten. Ich bin überzeugt, dass dies fachlich wie persönlich wertvoll ist.

Vielen Dank für das offene Gespräch. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und inspirierende Erfahrungen auf Ihrem Weg – und freuen uns auf die Bauwerke, an deren Geschichten Sie weiterschreiben werden.

Mehr Wissen rund um Beton:

Beton-People, Interview

Rennbahn Oerlikon, Stehaufmännchen dank Beton.

Seit 111 Jahren zieht das Renn-Oval in Zürich Oerlikon Freundinnen und Freunde des Bahnradsports in seinen Bann. Was 1912 nach nur fünfmonatiger Bauzeit auf der grünen Wiese in Zürich-Nord eröffnet wurde, hat sich als ausdauernder Langstreckensportler entpuppt. Hier lebt Radsportkultur und Architektur auf, geht durch Hochs wie Tiefs und stemmt sich erfolgreich gegen Abrissgelüste.

Mehr
Beton-People, Interview

Unter Wasser braucht es Herzblut und Vorstellungsvermögen

Dunkelheit, vier Grad Wassertemperatur, null Sicht: Für die meisten klingt das nach einem Albtraum. Für André Fankhauser war es jahrzehntelang Alltag. Der Berufstaucher aus dem Seeland kennt die Welt unter der Wasseroberfläche wie kaum ein anderer. Heute führt er als Geschäftsführer die TAF Taucharbeiten AG – und taucht selbst nur noch selten. Doch die Leidenschaft für das Arbeiten unter Wasser trägt ihn bis heute. Und dann ist da ja noch das Betonieren unter Wasser …
 

Mehr
SEO Agentur LuzernHolzglastrennwändeThermoplan KaffeemaschinenWaldis Berry BüroplanungSolaranlage LuzernTRennwandsystemBeton Baustoff für die ZukunftBürotrennwändeSolaranlage Luzern SchweizPhotovoltaik